Nacht – Licht – Nacht (F. Mennekes)

Nacht – Licht – Nacht

Hinführung zu Johannes vom Kreuz

Friedhelm Mennekes

 

Bron: Chillida im geistlichen Raum, Hers. Martina Schleppinghoof und Kurt Danch, Köln, 1993 (Kunst-Station Sankt Peter Köln)

 

Vielfaltig waren die geistigen und geistlichen Aufbrüche am Beginn der Neuzeit. Dies stand ohne Zweifel in Verbindung mit der verschärft gestellten Frage nach dem Heil des Einzelnen im Unterschied zum mittelalterlichen Ordo-Gedanken. Es war vor allem die praktisch-theologische Bewegung der ‘devotio moderna’, die mit Emphase das unmittelbare Gegenüber des gläubigen Subjekts zu Gott neu zu bestimmen und aufzubauen suchte. Ihre Anhänger wollten es eigenverantwortlich, einsichtig und konstruktiv gestalten. Nicht von Ungefär konzentrierte sich das Anliegen der Reformation auf die Frage, wie der Mensch seinen gnädigen Gott finde. Hier war es Martin Luther vorbehalten, erste systematische Ansätze zu seiner ‘theologia crucis’ zu entwickeln.

 

Doch auch in der alten Kirche brachen wichtige Reformbewegungen auf, vor allem in spanischen Klöstern. Dabei waren die Benediktiner vom Montserrat entscheidende Vermittler des nordeuropäischen Humanismus in Spanien. Auch die Erneuerungsbewegung des Karmels unter Theresia von Avila (1515-1582) und Johannes von Kreuz (1542-1591) fanden weit über ordensinterne Auseinandersetzungen eine allgemeine Aufmerksamkeit in religiösen Kreisen. Beide Reformer waren Persönlichkeiten mit sehr unterschiedlichem Charakter. Ging die eine van der Erfahrung des nahen Gottes aus, war sie erfüllt von seiner Gegenwart

und in ihrer Christusbeziehung van dem Geheimnis der Auferstehung geprägt, so wurde der andere, Johannes vom Kreuz, van der Erfahrung des fernen Gottes, von dessen Schweigen und der Dunkelheit seines Geheimnisses bestimmt. Für ihn stand die Kritik der geistlichen Praxis im Zentrum seines Engagements, eine kreative Skepsis, die ihn zum Aufbau neuer geistlicher Einsichten vor allem durch eine leidvolle Destruktion überkommener Kategorien und ‘bewahrter Wege’ trieb. Es konnte daher nicht verwundern, dass er sich beim Übertritt in den reformierten Zweig seines Ordens den Beinamen ,,vom Kreuz” zulegte. Das Kreuz wurde ihm zu einer metaphorischen Umschreibung eines geradezu erkenntniskritischen Reinigungsprozesses, der im Bild von der Nacht zum Inbegriff kritischer Infragestellung wurde, zum Prinzip einer neuen mystischen Theologie.

 

Treibende Kraft seines Suchens war die Sehnsucht nach einer Tiefe in den Dingen, nach einem Absoluten in der Erfahrung. Dieses Interesse bedeutete ihm aber zugleich eine schmerzvolle Oberwindung all der überkommenen Weisen, in denen sich der Mensch die Wirklichkeit der Welt und die Gottes ‘ein-bildete’. Johannes wollte die oftmals trügerischen Wege des Menschen, sich die Welt und Gott eigenmächtig zurechtzulegen, verlassen: alles satzhafte, objektivierende, dogmatische Denken und Sprechen über Gott. Johannes wusste sich hier von der Schrift darüber belehrt, dass Gott selber in allem Tun und Sprechen aktiv werde und von sich aus zum Menschen komme. Auf die Wahrnehmung dieser göttlichen Aktivität legte er seine Aufmerksamkeit und war deshalb stark daran interessiert, alle natürlichen und eingewohnten Wahrnehmungsweisen zu überwinden, die sich für die Begegnung mit Gott eher als Hindernisse und Sperren erwiesen. Er wollte sich in seinem geistlichen Tun auf die Hoffnung konzentrieren, dass dieser Gott wahrnehmbar aktiv werde. Das bedeutete ihm allerdings einen Abschied von den liebgewordenen Erbaulichkeiten im geistlichen Alltag, es war ein Abschied von den kleinen geistlichen Trostempfindungen und den frommen Gefühlen.

 

„Darum müssen all diese fühlbaren Mittel und Übungen der Kräfte zurückbleiben und schweigen, auf dass Gott aus sich in der Seele die göttliche Vereinigung bewirke. Es ist also diese befreiende und entleerende Methode anzuwenden und den Fähigkeiten ihr natürlicher Rechts- und Wirkbereich zu entziehen, um der Eingiessung und Einleuchtung des Übernatürlichen Raum zu geben.”

 

Die bahnbrechende Freisetzung zu dieser neuen Erfahrung ereignete sich für Johannes im Durchgang durch die ,,Nacht”. Mit diesem Wort bezeichnete er jenen Zustand, in dem der Mensch sich von zwei Dingen lost, von den engagierten Bindungen an die natürlichen Dinge und den verblendenden Vorstellungen, die er sich von ihnen gemacht hatte. Dies alles gründe in einer falschen Bezogenheit des Menschen auf sich selbst. Doch die Prinzipien dieser Reinigung hießen: Entzug, Vernichtung, Entwerdung, Kreuzigung.

 

„In dreifacher Hinsicht kann man diesen Übergang der Seele zur Vereinigung mit Gott eine Nacht nennen. Erstens in Hinsicht auf den Ausgangspunkt der Seele, indem sie das Verlangen nach dem Genuss aller Dinge dieser Welt, die ihr zu eigen waren, ablegen muss. Dies geschieht, indem sie auf dieselben verzichtet. Dieses Verzichten und sich Entäußern ist aber wie eine Nacht für alle Begehrungs- und Gefühlsvermögen des Menschen. Zweitens mit Rücksicht auf das Mittel und den Weg, auf dem die Seele zu dieser Vereinigung gelangt. Und das ist der Glaube, der gleichfalls für das Erkenntnisvermögen dunkel ist wie die Nacht. Drittens mit Rucksicht auf das Ziel. Und dieses Ziel ist Gott, der unfassbar und unendlich, gleichfalls für die Seele in diesem Leben wie eine dunkle Nacht ist.”

 

Mit seiner Theorie der Nacht verband Johannes vom Kreuz zwei deutlich voneinander unterschiedene Aspekte. Er unterschied eine „aktive” und eine „passive” Nacht, die eine war eine „Nacht der Sinne”, die andere eine „Nacht des Geistes”. Erstere war die der Anfänger auf ihrem Weg zum Berg der Beschauung, letztere die der Fortgeschrittenen. Ziel der ganzen Nacht war die vollkommene Vereinigung des Menschen mit Gott.

 

Dieser Einteilung lief eine andere parallel, bei welcher der Prozesscharakter der Nacht noch deutlicher wurde. Sie bestand in einer Vorstellung von drei Phasen in der Nacht: den Anbruch am Abend, die dunkle Mitternacht und die Dämmerung des nächsten Morgens. Alle drei Teile bildeten zusammen die ganze Nacht. Zu Beginn entschwinden die Dinge; dies ist die Nacht der Sinne. Ihr folgt das Zentrum, die dunkelste Dunkelheit, die völlige Umnachtung des Glaubens, in der dem Menschen jegliche Sicherheit vor Gott und sich selbst entschwindet. Erst in der dritten Phase teilt Gott sich selber dem Menschen mit, aus der dann die Vereinigung folgt.

 

Johannes vom Kreuz legte seine spirituellen Gedanken und Erfahrungen in vier Hauptschriften nieder: dem Aufstieg zum Berge Karmel, in der Dunklen Nacht der Seele, im Geistlichen Gesang und in der Lebendigen Liebesflamme. Während die beiden ersten Werke den mühsamen Gangdurch Entsagung, Entbehrung und kalter Dunkelheit beschreiben und theologisch erörtern, ist der Geistliche Gesang ein mystisches zwischen der Seele und ihrem Gott. Inmitten ihres Gefühls der Verlassenheit und Not ruft die Seele wie eine Braut nach ihrem Geliebten. Sie ist wie von Sinnen und eilt hinaus in die Natur die ihr in Bildern landschaftlicher Schönheiten von der Anmut des Gesuchten kündet. Schließlich erscheint er selbst. Sie ist wie geblendet vom Glanz seiner Augen. Alle bösen Elemente des Dunklen sind gebannt. Die Braut liegt in den Armen ihres Geliebten.

 

Allegorisch spiegeln sich in dieser geistlichen Dichtung die Stufen des Weges der Seele zur mystischen Vereinigung mit ihrem Gott wider. Das Ganze ist ein kunstvolles Gefüge sprachlichen Reichtums. In seiner originalen Fassung ahmen oft die lautmalerisch wiederholten ’o‘- und ‚s‘- Laute (z. B. ríos sonorosos) das Rauschen der Flüsse und der Winde nach. Ebenso Weiß Johannes vom Kreuz die Stimmung den wechselnden Rhythmen des Liedes anzupassen. „So findet die Unrast, mit der die Seele nach Gott sucht, Ausdruck in der raschen unverbundenen Aufeinanderfolge van Nomen und Verben <… >. Doch dann, als der Geliebte erscheint, verlangsamt sich der Rhythmus zu einem ruhigen Verweilen <…> Die Einheit van Natur und Geliebtem von Schöpfer und Schöpfung druckt sich in der unverbundenen Folge der Substantive aus.

 

Doch hatte für Johannes vom Kreuz jede mystische Erleuchtung immer wieder eine Voraussetzung: die Kritik ihrer Wahrnehmung und existentielle Krisis ihrer Erfahrung; nur hier entsichere sich der Mensch seiner erworbenen Wahrnehmungsformen, um sich den neuen auszusetzen, die allein das Unfassliche ermöglichten. Alle Gestalt und alles Geschaffene müsse fahrengelassen werden, wenn Gott dem Menschen wirklich inne und ansichtig werden solle.

 

Daher kann „nichts von dem, was die Einbildungskraft einbilden und der Verstand hienieden empfangen oder denken kann, ein geeignetes Mittel <…>zur Einigung mit Gott sein. Vom natürlichen Standpunt aus gesprochen und van der Tatsache ausgehend, dass der Verstand kein Ding erfassen kann, Außer gehalten und eingefangen unter den Formen und Bildern der Dinge, die man durch die Körpersinne bekommt <… >, kann man sich auch nicht auf den natürlichen Verstand berufen. Reden wir vom übernatürlichen Verstehen <…>, so besitzt der Verstand keine Anlage noch Fähigkeit, im Kerker dieses Leibes eine klare Einsicht von Gott zu gewinnen; eine solche gehört nicht zu diesem Leben: und so muss man entweder sterben oder sie nicht empfangen (verweigern).”

 

Johannes vom Kreuz suchte in seiner Theologie der Nacht die ernüchternde Desillusionierung der bestehenden Wahrnehmung. Seine Schriften sind ein einziges Plädoyer für eine radikale Negation inhaltlich gefüllter Glaubensvorstellungen. Weil es im geistlichen Leben um die Erfahrung des Ungeschaffenen geht, muss alles Erschaffene innerlich verlassen werden, und zwar deshalb, weil es Gestalt hat. Die Erfahrung Gottes kann immer nur die Erfahrung des Gestaltlosen sein. Und selbst wenn diese eine bestimmte Gestalt annimmt, weil sie nur so dem Menschen möglich ist, muss sie immer eine neue und eine ständig zu erneuernde Gestalt sein. Deshalb suchte Johannes vom Kreuz seine neue ‘Existenz’ im Glauben zu gründen, sie bedeutete ihm ein Leben in einer permanenten Befreiung als Prozess. Nur in dessen Verlauf war daher der Durchbruch zu einem neuen Leben zu finden. Doch dies führte ihn in einem ständigen Zirkel zu einer schmerzlichen Erneuerung: der alte Mensch war abzulegen, wie ein Bildwort in der Schrift sagt, um den ,,neuen Menschen anzuziehen”, ,,der nach Gott geschaffen ist” (Eph 4,24). Sein Maß und sein inneres Gesetz fand dieser Weg allerdings allein in der Nachfolge Christ! des Gekreuzigten. Er selbst habe die Stadien der Entsicherung beispielgebend und für einen jeden ermutigend abgesteckt und abgeschritten, denn:

 

Erstens ist klar, dass er dem Sinnlichen während seines Lebens auf geistliche Weise starb und auf physische bei seinem Tod. Er besaß nach seinem eigenen Wort während seines Lebens, und noch weniger sterbend, nichts, wohin er sein Haupt legen konnte. Zweitens ist es gewiss, dass er im Sterben auch seelisch wie zernichtet war <…>, ohne irgendeinen Trost noch irgendeine Hilfe, und so musste er den Ruf ausstoßen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Diese Verlassenheit war die tiefste seines Lebens. Und deshalb <…> vollbrachte er in ihr ein größeres Werk <…>, als er es in seinem ganzen Leben durch Wunder und Taten auf Erden oder im Himmel ausgeführt hatte: nämlich die Wiederversöhnung des Menschengeschlechts mit Gott durch Gnade.”

 

Der entsagungsreiche persönliche Weg der Entwerdung dieses Heiligen, der Weg der schmerzvollen Loslosung von überkommenen Traditionen hat Johannes vom Kreuz nicht nur zu einem bedeutenden Reformator der Kirche werden lassen, sondern auch zu einem Maßstabe setzenden Schriftsteller in der spanischen Literatur und zu einer künstlerischen Persönlichkeit. In seltener Einheit begegneten sich in seiner Person existentielles Suchen, religiöse Devotion, kreative Sprache und eine gerühmte Musikalität.

 

Friedhelm Mennekes

 

L1210279

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