Der Mensch

DRITTES BUCH
DER MENSCH UND SEIN SELBST ODER METAETHIK
Rosenzweig, F., Der Stern der Erlösung (den Haag 1976) (Martinus Nijhof) p. 67-90

Negative psychologie

VOM Menschen – sollten wir auch von ihm nichts wis- sen? Das Wissen des Selbst von sich selber, das Selbst- bewußtsein, steht in dem Rufe, das bestgesicherte alles Wissens zu sein. Und der gesunde Menschenverstand sträubt sich fast noch heftiger als das wissenschaftliche Bewußtsein, wenn ihm die wahrhaft und wörtlich selbst-verständliche Grundlage des Wissens unter den Füßen fortgezogen werden soll. Dennoch ist es geschehen, freilich erst spät. Es bleibt eine der erstaunlichsten Leistungen Kants, daß er dies Selbstverständlichste, das Ich, recht eigentlich zum Problem, zum Allerfragwürdigsten, gemacht hat. Vom erkennenden Ich lehrt er, daß es nur in der Beziehung auf das Erkennen, an seinen Früchten also, nicht „an sich selbst“, zu erkennen ist. Und gar vom wollenden weiß er, daß die eigentliche Moralität, Verdienst und Schuld, der Handlungen, selbst unsrer eigenen, uns stets verborgen bleibt. Damit erstellt er eine negative Psychologie, die einem ganzen Jahrhundert, dem Jahrhundert einer Psychologie ohne Seele, zu denken gegeben hat. Wir brauchen kaum zu betonen, daß auch hier uns das Nichts nicht für ein Ergebnis, sondern für den Ausgangspunkt des Denkens gilt. Es mußte wohl einmal das Absurde gedacht werden. Denn es ist der tiefe Sinn des vielmißbrauchten Credo quia absurdum, daß aller Glaube zu seiner Voraussetzung ein Absurdum des Wissens braucht. Damit also der Inhalt des Glaubens selbstverständlich werde, ist es nötig, daß das anscheinend Selbstverständliche vom Wissen zu einem Absurden gestempelt sei. Das ist der Reihe nach mit den drei Elementen dieses Inhalts, mit Gott, der Welt und dem Menschen, geschehen: mit Gott schon in den Anfängen des Mittelalters, mit der Welt zu Beginn der Neuzeit, mit dem Menschen zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Erst nachdem so das Wissen nichts mehr einfach und klar ließ, erst seitdem kann der Glaube das vom Wissen ausgestoßene Einfache in seine Hut nehmen und dadurch selber ganz einfach werden.

Zur methode

Der Mensch ist unbeweisbar, so gut wie die Welt und wie Gott. Sucht das Wissen gleichwohl eins von diesen dreien zu beweisen, so verliert es sich mit Notwendigkeit ins Nichts. Diesen Koordinaten, zwischen denen jeder Schritt, jede Bewegung, die es tut, sich abzeichnet, kann es nicht entweichen – und nähme es Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer; denn aus der Bahn, die von jenen drei Elementen be- stimmt wird, kann es nicht herausspringen. So ist das Nichts des beweisenden Wissens hier immer nur ein Nichts des Wissens und genauer ein Nichts des Beweisens, dem gegenüber die Tatsache, die den Raum mit- gründet, worin das Wissen selber lebt und webt und ist, in ihrer ganzen schlechthinnigen Tatsächlichkeit ungerührt stehen bleibt. Und das Wissen kann deshalb hier nichts weiter als den Weg von dem Unbeweisbaren, dem Nichts des Wissens, hin zur Tatsächlichkeit der Tatsache nachgehn – eben das, was wir hier zweimal schon getan haben und nun ein drittes Mal tun.

MENSCHLICHE EIGENHEIT

Auch vom Menschen also wissen wir nichts. Und auch dieses Nichts ist nur ein Anfang, ja nur der Anfang ei- nes Anfangs. Auch in ihm erwachen die Urworte, das schaffende Ja, das zeugende Nein, das gestaltende Und. Und das Ja schafft auch hier im unendlichen Nicht- nichts das wahre Sein, das „Wesen“.
Was ist dies wahre Sein des Menschen? Das Sein Gottes war schlechthinniges Sein, Sein jenseits des Wissens. Das Sein der Welt war im Wissen, gewußtes, allgemeines Sein. Was ist gegenüber Gott und Welt das Wesen des Menschen? Goethe lehrt es uns: „Was unterscheidet Götter von Menschen? daß viele Wellen vor jenen wandeln – uns hebt die Welle, verschlingt die Welle, und wir versinken“. Und der Prediger lehrt es uns: „Geschlecht geht, Geschlecht kommt, doch die Erde steht ewiglich“. Vergänglichkeit, die Gott und Göttern fremde, der Welt das bestürzende Erlebnis ihrer eigenen, sich allzeit erneuernden Kraft, ist dem Menschen die immerwährende Atmosphäre, die ihn umgibt, die er mit jedem Zug seines Atems einsaugt und ausstößt. Der Mensch ist vergänglich, Vergänglichsein ist sein Wesen, wie es das Wesen Gottes ist, unsterblich und unbedingt, das Wesen der Welt, allgemein und notwendig zu sein. Gottes Sein ist Sein in Unbedingten, der Welt Sein Sein im Allgemeinen, des Menschen Sein ist: Sein im Besonderen. Das Wissen liegt nicht unter ihm wie für Gott, nicht um ihn und in ihm wie für die Welt, sondern über ihm; er ist nicht jenseits der Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit des Wissens, sondern diesseits; er ist nicht, wenn das Wissen aufhört, sondern ehe es anfängt; und nur weil er vor dem Wissen ist, kommt es, daß er auch nachher noch ist und allem Wissen, mag es ihn noch so vollständig in die Gefäße seiner Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit aufgefangen zu haben wähnen, immer wieder sein sieghaftes „Ich bin noch da“ zuruft. Sein Wesen ist eben, daß er sich nicht auf Flaschen ziehen läßt, daß er immer „noch da“ ist, daß er in seiner Besonderheit stets gegen den Machtspruch des Allgemeinen auftrumpft, daß ihm die eigene Besonderheit nicht, wie es ihm die Welt wohl zugestehen möchte, Ereignis ist, sondern gerade sein Selbstverständliches, – sein Wesen. Sein erstes Wort, sein Urja, bejaht sein Eigensein. Im grenzenlosen Nicht seines Nichts gründet diese Bejahung sein Besonderes, sein Eigenes als sein Wesen. Ein Einzelnes also, aber kein Einzelnes wie das Einzelne der Welt, das momenthaft in einer unaufhörlichen Reihe von Einzelnen aufschießt, sondern ein Einzelnes im grenzenlosen leeren Raum, ein Einzelnes also, das von andern Einzelnen neben ihm nichts weiß, das überhaupt von einem „neben ihm“ nichts weiß, weil es „überall“ ist, ein Einzelnes nicht als Tat, nicht als Ereignis, sondern als immerwährendes Wesen.
Diese Eigenheit des Menschen ist also etwas anderes als die Individualität, die er als einzelne Erscheinung innerhalb der Welt annimmt. Sie ist keine Individualität, die sich gegen andre Individualitäten abscheidet, sie ist kein Teil – und das Individuum bekennt, grade indem es auf seine Unteilbarkeit pocht, daß es selber Teil ist. Sie ist eben zwar nicht selbst unendlich, aber „im“ Unendlichen; sie ist Einzelnes und dennoch Alles. Um sie herum liegt die unendliche Stille des menschlichen Nicht-nichts; sie selber ist der Ton, der in diese Stille tönt, ein Endliches und doch Grenzenloses.

mystiek

horizon

URWORT

Unsre Symbolsprache hat hier klare Bahn. Die ursprüngliche Bejahung, die stets die rechte Seite unsrer Gleichungen setzt, das ursprüngliche „So“, hatte in der Physis Gottes ihre Schlechthinnigkeit, im Logos der Welt ihre Allgemeingültigkeit ausgewirkt; im ersten Fall also war die Kraft wirksam geworden, die dem einzelnen Wort einen Sinn überhaupt, im zweiten die, welche ihm die Gleichheit seiner Bedeutung sichert. Hier tritt die Richtung des Urja in Kraft, die dem einzelnen Wort nicht bloß einen und immer den gleichen, sondern seinen besonderen Sinn begründet, im Unterschied also auch von der Besonderheit, die der einzelne Fall der Anwendung stets neu bestimmt, die Besonderheit, die das Wort schon vor aller Anwendung hat. Die Besonderheit nicht als Überraschung des Augenblicks und Augen-Blicks, sondern als daseiender Charakter findet ihre Stätte im persönlichen Ethos des Menschen – „nur allein der Mensch vermag das Unmögliche, er kann dem Augen- blick Dauer verleihn“; er kann es, eben weil er selbst gerade das, was den Augenblick „in schwankender Erscheinung schweben“ läßt, die Besonderheit, als sein dauerndes Wesen in sich trägt. Ihm allein wird die Besonderheit nicht zur teilhaften „Individualität“, sondern zur unbegrenzten Eigenheit des „Charakters“.

Zeichen

Als Besonderes kann die Eigenheit nur durch B be- zeichnet werden. Eine Richtung haben wir nicht darin feststellen können. Sie ist ebenso richtungslos, so jenseits von aktiv und passiv, ja in ihrer Endlichkeit eben- so schlechthin seiend, wie das unendliche Sein Gottes; seinem einfachen, vorzeichenlosen A tritt sie als ein ebenso einfaches vorzeichenloses B entgegen. Sein steht hier gegen Sein. Dem erfüllungsbedürftigen, un- endlich formalen Sein der Welt gegenüber aber ist das unbedürftige, grenzenlos besondere Sein des Menschen nicht gegensätzlich, sondern ganz geschieden. Zwischen =A und B gilt gar keine Beziehung. Käme es bloß auf das Wesen an, so wäre zwischen Gott und Mensch Feindschaft gesetzt; Welt und Mensch aber lägen auf verschiedenen Ebenen und nicht einmal Feindschaft wäre zwischen ihnen möglich. Es kommt nicht bloß auf das Wesen an, aber etwas bleibt von diesem Verhältnis der Elemente auch noch in der schließ- lichen Gestalt der Gleichung; da wird freilich dann auch wirksam, daß gerade zwischen Welt und Mensch doch andrerseits auch eine besonders enge Beziehung besteht, nämlich das gleichmäßige Vorkommen der richtungslosen schlechthinnigen Besonderheit, B, bei der Welt freilich als „Nein“, beim Menschen als „Ja“, dort als immer neues Wunder der Individualität, hier als das dauernde Sein des Charakters. Aber es ist immerhin das erste und wie wir sehen werden das einzige Mal, daß in unsern Gleichungen ein Glied mehr als ein Mal auftritt. Die Bedeutung dieses Umstandes kann erst später erkannt werden.

MENSCHLICHER WILLE

Auch vom Menschen also wissen wir nichts. Und auch bei dem So des Charakters hat es nicht sein Bewenden, sowenig wie bei einem früheren So. Auch an des Men- schen Nichts, nachdem es sich im Charakter als ein Nichts, aus dem Bejahung hervorgehen konnte, erwiesen hat, darf sich nun die Kraft des Nein erproben. Wieder gilt es, das Nichts im Nahkampf der Endlichkeit niederzuringen, wieder aus diesem tauben Felsen einen Brunnen lebendigen Wassers fließen zu lassen. Das Nichts der Welt kapitulierte vor dem sieghaften Nein in der sprudelnden Fülle der Erscheinung. Gottes Nichts zerbrach vor seinem Nein zur immer neuen göttlichen Freiheit der Tat. Dem Menschen erschließt sich sein Nichts in der Verneinung gleichfalls zu einer Freiheit, seiner Freiheit, einer sehr andern zwar als der göttlichen. Denn Gottes Freiheit war infolge ihres un- endlichen und ganz passiven Gegenstandes, des göttlichen Wesens, ohne weiteres unendliche Macht, das heißt Freiheit zur Tat. Die Freiheit des Menschen aber wird auf ein Endliches, wenn auch Unbegrenztes, nämlich Unbedingtes, stoßen; so wird sie selber schon in ihrem Ursprung ein Endliches sein. Nicht bloß, wie ja auch Gottes Freiheit, endlich in der stets erneuerten Augenblickshaftigkeit ihres Hervorschießens; das wäre die Endlichkeit, die schon gefordert ist durch das un- mittelbare Hervorspringen aus dem verneinten Nichts; denn alle Verneinung, soweit sie nicht nur die in der Form der Verneinung geschehende unendliche Bejahung ist, setzt ein Bestimmtes, Endliches. Nicht bloß also eine solche Endlichkeit, wie sie auch Gottes Frei- heit hat, sondern eine ihr selber abgesehen von ihrem Hervorgang innewohnende Endlichkeit ist die Endlichkeit der menschlichen Freiheit. Die menschliche Frei- heit ist endliche, aber infolge ihres unmittelbaren Ursprungs aus dem verneinten Nichts unbedingte, unbedingte, Nichts und nur Nichts und keinerlei Ding vor- aussetzende Freiheit. Sie ist also nicht, wie die Gottes, Freiheit zur Tat, sondern Freiheit zum Willen; nicht freie Macht, sondern freier Wille. Das Können ist ihr, im Gegensatz zur göttlichen Freiheit, schon in ihrem Ur- sprung versagt, aber ihr Wollen ist so unbedingt, so grenzenlos wie das Können Gottes.

ZEICHEN

Dieser freie Wille ist endlich und augenblickshaft in seinen Äußerungen, wie es die weltliche Erscheinungs- fülle ist. Aber im Gegensatz zu dieser begnügt er sich nicht einfach mit seinem Dasein und kennt ein andres Gesetz als das der eigenen Schwere; er stürzt nicht, er hat Richtung. Sein Symbol ist also wie bei der Erscheinungsfülle ein B auf der linken Seite der Gleichung, aber zum Unterschied kein einfaches B, sondern ein „B= „. Das Symbol hat also dieselbe Form wie das Symbol der göttlichen Freiheit, „A=„, aber den entgegengesetzten Inhalt, – der freie Wille ist so frei wie die freie göttliche Tat; aber Gott hat keinen freien Willen, der Mensch kein freies Können; „gut sein“ bedeutet beim Gott: das Gute tun, beim Menschen: das Gute wollen. Und das Symbol hat die entgegengesetzte Form, aber den gleichen Inhalt, wie das Symbol der weltlichen Erscheinung: die Freiheit erscheint in der Erscheinungswelt als ein Inhalt unter andern, aber sie ist das „Wunder“ in ihr; sie ist unterschieden von allen andern Inhalten.

UNABHÄNGIGKEIT DES MENSCHEN

Kant, den wir ja eben zitierten, hat also mit unleugbar großartiger Intuition das Wesen der Freiheit sichergestellt. Auch die weitere Entwicklung wird uns hier im- mer wieder in seine Nähe führen, wenn auch immer wieder in die Nähe nur seiner Intuitionen. Wir gehen jetzt zunächst wieder den Weg nach, der vom freien Willen zur Eigenheit führt und auf dem der Mensch, der als freier Wille und als Eigenheit noch eine bloße Abstraktion war, erst Selbst gewinnt. Denn was ist der freie Wille, solange er bloß Richtung, aber noch keinen Inhalt hat? Und was ist die Eigenheit, solange sie bloß – ist? Wir suchen den lebendigen Menschen, das Selbst. Das Selbst ist mehr als Wille, mehr als Sein. Wie wird es dieses Mehr, dies Und? Was geschieht dem menschlichen Willen, wenn er seiner inneren Richtung folgend den Weg zum menschlichen Sein einschlägt?
Er ist von vornherein endlich, und da er Richtung hat, so ist er es mit Bewußtsein; er will gar nichts andres als das, was er ist; er will, wie Gottes Freiheit, sein eigenes Wesen; aber dies eigene Wesen, das er will, ist kein unendliches, in dem die Freiheit sich als Macht erkennen dürfte, sondern ein endliches. Der freie Wille also noch ganz in seinem eigenen Bereich, aber doch schon seinen Gegenstand von ferne sichtend, erkennt sich in seiner Endlichkeit, ohne doch im mindesten etwas von seiner Unbedingt- heit preiszugeben. An diesem Punkt seines Wegs, noch ganz unbedingt und doch schon seiner Endlichkeit bewußt, wird er aus dem freien Willen zum trotzigen Willen. Der Trotz, das stolze Dennoch, ist dem Men- schen, was dem Gotte die Macht, das erhabene Also, ist. Gleich souverän ist der Anspruch des Trotzes wie das Recht der Macht. Als Trotz nimmt das Abstraktum des freien Willens Gestalt an.
Als Trotz läuft er nun weiter seine Bahn – wir erinnern uns: es handelt sich nur um innere Bewegungen im Menschen, das Verhältnis zu den Dingen kommt gar nicht in Frage – bis zu dem Punkt, wo die Existenz der Eigenheit sich ihm so fühlbar macht, daß er nicht mehr unverändert weitergehen kann, ohne sie zu be- achten. Diesen Punkt, wo die Eigenheit in ihrer stummen daseienden Tatsächlichkeit dem freien Willen in den Weg zu liegen kommt – in den Weg tritt, wäre schon zu viel gesagt -, diesen Punkt bezeichnet ein Name, den wir schon vorhin, etwas vorgreifend, mehr- fach zur Erläuterung des Begriffs der Eigenheit gegen- über der „Individualität“ verwendet haben: der Charakter. Der Wille würde an der Eigenheit sich in Nichts auflösen; mit dem Hinweis auf die Eigenheit demütigt ihn Mephistos „du bleibst doch immer was du bist“. Am Charakter geschieht dem Trotz nicht wie dem Willen an der Eigenheit seine Vernichtung, sondern er bleibt noch durchaus als Trotz erhalten; nicht seine Aufhebung findet er hier, aber seine Bestimmung, sei- nen Inhalt. Der Trotz bleibt Trotz, er bleibt formell un- bedingt, aber er nimmt den Charakter zum Inhalt: der Trotz trotzt auf den Charakter. Das ist die Selbstbewußtheit des Menschen oder kürzer gesagt: das ist das Selbst. Das „Selbst“ ist das, was in diesem Übergriff des freien Willens auf die Eigenheit, als Und von Trotz und Charakter, entsteht.
Das Selbst ist schlechthin in sich geschlossen. Das verdankt es seiner Verwurzelung im Charakter. Wurzelte es in der Individualität, hätte sich also der Trotz auf die Besonderheit des Menschen gegenüber andern, auf seinen unteilbaren Anteil am allgemeinen Menschentum geworfen, so würde nicht das Selbst, das in sich geschlossene, nicht aus sich her- ausblickende, entstanden sein, sondern die Persönlichkeit. Die Persönlichkeit ist, wie schon der Ursprung des Namens sagt, der Mensch, der seine ihm vom Schicksal her zugewiesene Rolle spielt, eine Rolle neben andern, eine Stimme in der vielstimmigen Symphonie der Menschheit. Sie ist wirklich „höchstes Gut der Erden- kinder“, – eines jeden von ihnen. Das Selbst hat keine Beziehung zu den Menschenkindern, immer nur zu einem einzigen Menschen, eben dem „Selbst“. Allen- falls kann auch die Gruppe, wenn sie sich für schlecht- hin einzig hält, das Volk etwa, dem alle andern Völker „Barbaren“ sind, ein Selbst haben. Vom Selbst gibt es keinen Plural. Die Einzahl „Persönlichkeit“ ist nur eine Abstraktion, die ihr Leben aus dem Plural „Persönlichkeiten“ zieht. Die Persönlichkeit ist immer eine unter andern; sie wird verglichen; das Selbst vergleicht sich nicht und ist unvergleichbar. Das Selbst ist kein Teil, kein Unterfall, auch kein eifersüchtig bewachter Anteil am gemeinsamen Gut, den „aufzugeben“ verdienstlich sein könnte. Das sind alles Gedanken, die nur für die Persönlichkeit gedacht werden können. Das Selbst ist nicht aufgebbar – wem denn? es ist ja niemand für es da, dem es etwas „geben“ könnte; es ist allein; es ist keines von den „Menschenkindern“; es ist Adam, der Mensch selbst.

Zeichen

Von der Persönlichkeit sind zahlreiche Aussagen möglich, so zahlreiche wie von der Individualität. Sie folgen alle als einzelne Aussagen dem Schema B=A, in welchem alle Aussagen über die Welt und ihre Teile vorgebildet sind; die Persönlichkeit wird stets als einzelne in ihrem Verhältnis zu andern einzelnen und zu einem Allgemeinen definiert. Vom Selbst gibt es keine abgeleiteten Aussagen, nur die eine ursprüngliche, B=B; so wie es von Gott oder der Welt keine Mehrheit von Aussagen gibt, sondern nur die einen ursprünglichen, in den Gleichungen symbolisierten. Obwohl doch der Charakter an sich etwas ebenso Einzelnes ist wie die Individualität und infolgedessen an sich auch durch das gleiche nackte Symbol B bezeichnet wird, so ist er doch dadurch, daß er im Gegensatz zur Individualität auf der rechten Gleichungsseite erscheint, von ihr aufs vollkommenste unterschieden. Die Individualität ist dadurch, daß sie auf der linken Gleichungsseite auftritt, als Gegenstand gekennzeichnet. Der Charakter als auf der rechten Seite der Gleichung stehend erweist sich als selber Aussage, Behauptung. Daß er Besonderes ist, darauf wird, wie eben dieser Platz in der Gleichung zeigt, nicht weiter zurückgekommen; denn das Besondere entwickelt seine Besonderheit, indem es, wie alles Besondere in der Welt, einschließlich auch der Individualität, sich zum Gegenstand von Aussagen machen läßt. Ein Besonderes, das selbst auf die Aussageseite der Gleichung tritt, verzichtet darauf, daß von ihm Aussagen gemacht werden; es verzichtet auf die Entwicklung und Darstellung seiner Besonderheit. Es macht sich selbst zum Aussageinhalt für etwas andres. Das tut von allem Besonderen nur dies eine, der Charakter. Der Charakter ist die Aussage, die den freien Willen „näher bestimmt“. Was will der freie Wille? den eigenen Charakter. So wird der freie Wille zum trotzigen Willen, und Willenstrotz und Charakter ver- dichten sich zur Gestalt des Selbst.
Das Selbst, in der Gleichung B=B symbolisiert, stellt sich also unmittelbar dem Gott gegenüber. Wir sehen, wie die völlige äußere Gegensätzlichkeit des Inhalts bei ebenso völliger Gleichheit der Form wie in der fertigen Gleichung, so schon in der werdenden sichtbar war. Die fertige Gleichung bezeichnet die reine Insichgeschlossenheit bei ebenso reiner Endlichkeit. Als Selbst, wahrhaftig nicht als Persönlichkeit, ist der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen. Adam ist wirklich, im Gegensatz zur Welt, genau „wie Gott“, nur lauter Endlichkeit, wo jener lauter Unendlichkeit ist, – die Schlange wendet sich mit gutem Grund an den Menschen allein in der ganzen Schöpfung. Zur Welt steht der Mensch als fertiges Selbst nicht mehr in dem komplizierten Verhältnis wie die Elemente vor ihrem Zusammentreten im Und, sondern ganz einfach als ein Gleiches, von dem jedoch Entgegengesetztes ausgesagt wird. Das Subjekt B kann entweder A sein oder B. Im ersten Falle, B=A, ist es Welt, im zweiten, B=B, ist es Selbst. Der Mensch kann offenbar, so lehren uns die Gleichungen, beides sein; er ist nach Kants Wort „Bürger zweier Welten“.
Wobei freilich dieser an sich starke Ausdruck auch schon wieder die ganze Schwäche Kants verrät, über der sein Unvergängliches zunächst in Vergessenheit geriet: in der Gleichsetzung der beiden Sphären als „Welten“. Welt ist eben nur die eine. Die Sphäre des Selbst ist nicht Welt und wird es auch nicht dadurch, daß man sie so nennt. Damit die Sphäre des Selbst „Welt“ wird, muß „diese Welt vergehn“. Der Ver- gleich, der das Selbst in eine Welt einordnet, verführt schon bei Kant selbst und ganz offen bei seinen Nach- folgern zur Verwechslung dieser „Welt“ des Selbst mit der vorhandenen Welt. Er täuscht hinweg über den Kampf des Unversöhnlichen, über die Härte des Raums und die Zähe der Zeit. Er verwischt das Selbst des Menschen, eben indem er es zu umreißen meint. Unsre Gleichung, welche die formale Verschiedenheit so stark betont – durch die Gleichsetzung zweier Ungleicher im einen, zweier Gleicher im andern Fall -, läuft diese Gefahr nicht; sie kann deshalb den inhaltlichen Parallelismus, daß in beiden Fällen Aussagen über ein Gleiches gemacht werden, wenn auch entgegengesetzte Aussagen, ruhig zur Anschauung bringen.

Gedicht
DAS HEROISCHE ETHOS
LINIEN DES LEBENS

Das Selbst ist also von außen gesehen nicht von der Persönlichkeit zu unterscheiden. Innerlich aber sind sie genau so verschieden, ja, wie gleich deutlich werden wird, entgegengesetzt, wie – Charakter und Individualität. Wir haben das Wesen der Individualität als einer Welterscheinung verdeutlicht an dem Kreis ihres Laufs durch die Welt. Die natürliche Geburt war auch die Geburt der Individualität; in der Begattung starb sie den Tod in die Gattung zurück. Der natürliche Tod gibt hier nichts mehr hinzu; der Kreislauf ist schon er- schöpft; daß das individuelle Leben noch über die Erzeugung des Nachkommen hinaus fortdauert, ist gerade von der Individualität aus unbegreiflich; vollends das Phänomen der Fortdauer des individuellen Lebens so- gar über die Jahre der Zeugungskraft hinaus, das Greisentum, ist für eine rein natürliche Ansicht des Lebens ganz unfaßbar. Schon von hier aus also müßten wir auf das Unzulängliche der Gedanken von Individualität und Persönlichkeit zum Begreifen des menschlichen Lebens hingeführt werden.
Hier aber leiten uns die Begriffe von Selbst und Charakter weiter. Der Charakter, und so das Selbst, das auf ihm sich gründet, ist nicht die Begabung, welche die Himmlischen „bei der Geburt schon“ dem jungen Erdenbürger als seinen Anteil am gemeinsamen Menschheitsgut in die Wiege legten. Ganz im Gegen- teil: der Tag der natürlichen Geburt, der der große Schicksalstag der Individualität ist, weil bei ihr das Schicksal des Besonderen bestimmt wird durch den Anteil am Allgemeinen, dieser Tag ist für das Selbst mit Dunkel bedeckt. Der Geburtstag des Selbst ist ein andrer als der Geburtstag der Persönlichkeit. Auch das Selbst nämlich, auch der Charakter hat seinen Geburtstag; er ist eines Tages da. Es ist unwahr, daß der Charakter „wird“, daß er „sich bildet“. Das Selbst überfällt den Menschen eines Tages wie ein gewappneter Mann und nimmt von allem Gut seines Hauses Besitz. Bis zu diesem Tag – es ist immer ein bestimmter Tag, auch wenn der Mensch ihn nicht mehr weiß – bis zu diesem Tag ist der Mensch ein Stück Welt auch vor seinem eigenen Bewußtsein; die Sachlichkeit des Kindes erreicht kein späteres Lebensalter je wieder. Der Einbruch des Selbst beraubt ihn mit einem Schlage all der Sachen und Gü- ter, die er zu besitzen sich vermaß. Er wird ganz arm, er hat nur sich, kennt nur sich, niemand kennt ihn; denn es ist niemand da außer ihm. Das Selbst ist der einsame Mensch im härtesten Sinn des Worts. Das „politische Tier“ ist die Persönlichkeit.
Das Selbst also wird an einem bestimmten Tag im Menschen geboren. Welcher Tag ist das? Der gleiche, an dem die Persönlichkeit, das Individuum, den Tod in die Gattung stirbt. Eben dieser Augenblick läßt das Selbst geboren werden. Das Selbst, der „Daimon“, nicht im Sinne von Goethes orphischer Stanze, wo das Wort grade die Persönlichkeit bezeichnet, sondern im Sinn des Heraklitworts „Sein Ethos ist dem Menschen Daimon“, dieser blinde und stumme, in sich verschlossene Daimon überfällt den Menschen das erste Mal in der Maske des Eros, von da an geleitet er ihn durchs Leben bis zu jenem Augenblick, wo er die Maske ab- legt und sich ihm enthüllt als Thanatos. Dies ist der zweite, und wenn man so will der geheimere, Geburts- tag des Selbst, wie es der zweite, und wenn man so will erst der offenkundige, Sterbetag der Individualität ist. Der natürliche Tod läßt ja auch dem blödesten Auge offenbar werden, daß die Persönlichkeit sich entpersönlichen, das Individuelle sich re-generieren lassen muß. Der Teil des Menschen, an dem die Gattung sich ihr Recht nicht schon hatte nehmen können, der fällt im Tode dem nackten, dem übergattungsmäßigen Allgemeinen, der Natur selber zur Beute. Aber während so in diesem Augenblick das Individuum den letzten Resten seiner Individualität entsagt und heimkehrt, er- wacht das Selbst zur letzten Vereinzelung und Einsamkeit. Es gibt keine größere Einsamkeit als in den Augen eines Sterbenden, und es gibt keine trotzigere, hochmütigere Vereinzelung als die, welche sich auf dem erstarrten Antlitz eines Toten malt. Zwischen diesen beiden Geburten des Daimon liegt alles, was uns vom Selbst des Menschen sichtbar wird; was vorher, was nachher? – das sichtbare Dasein dieser Gestalten ist gebunden an den Lebenskreislauf der Individualität und verliert sich ins Unsichtbare, wo es sich in diesem Kreislauf löst. Daß es nur wie an einen Stoff, an dem es sich sichtbar macht, daran gebunden ist, das lehrt schon die entgegengesetzte Richtung, die es in den entscheidenden Punkten dem Kreislauf gegenüber einhält. Das Leben des Selbst ist kein Kreislauf, sondern eine aus Unbekanntem in Unbekanntes führende Grade; das Selbst weiß nicht, woher es kommt noch wohin es geht. Aber daß die zweite Geburt des Daimon, die als Thanatos, kein bloßes Nachspiel ist wie das Sterben der Individualität, das gibt dem Leben über die Grenzen der Gattung, das im Lichte des Persönlichkeitsglaubens eitel und sinnlos ist, seinen eigenen Rang: dem Greisenalter. Der Greis hat keine Persönlichkeit mehr zu eigen; sein Anteil am Gemeinsamen der Menschheit ist zur bloßen Erinnerung verflüchtigt; aber je weniger er noch Individualität ist, um so härter wird er als Charakter, um so mehr wird er Selbst. Das ist die Wesensverwandlung, die Goethe am Faust durchführt: der alle seine reiche Individualität schon zu Beginn des zweiten Teils eingebüßt hat und eben deswegen zuletzt im Schlußakt als Charakter von vollkommenster Härte und höchstem Trotz, eben wahrhaft als Selbst erscheint, – ein treues Bild der Lebensalter.
Das Ethos ist diesem Selbst zwar Inhalt; das Selbst ist der Charakter; aber es wird von diesem seinem In- halt nicht bestimmt; es ist nicht Selbst dadurch, daß es dieser bestimmte Charakter ist. Sondern Selbst ist es schon dadurch, daß es überhaupt einen, einerlei welchen, Charakter hat. Während also die Persönlichkeit Persönlichkeit ist durch ihren festen Zusammenhang mit der bestimmten Individualität, ist das Selbst Selbst durch sein bloßes Festhalten an seinem Charakter überhaupt. Oder mit andern Worten: das Selbst „hat“ seinen Charakter. Eben die Unwesentlichkeit des bestimmten Charakters wird ja auch in der allgemeinen Gleichung B=B ausgesprochen. Dieselbe Besonderheit, die in der Gleichung B=A Individualität, Gegenstand aller Aussagen, Zielpunkt alles Interesses ist, muß sich hier begnügen, der in seiner Besonderheit allgemeine Boden zu sein, auf dem sich das stets einzelne und doch immer gleiche Gebäude des einzelnen Selbst erhebt.

GESETZE DER WELT

Indem aber das Selbst die Besonderheit der Individualität so zu seiner bloßen „besonderen Voraussetzung“ macht, wird nun gleichzeitig auch die ganze Welt ethischer Allgemeinheit, die an dieser ethischen Besonderheit der Individualität hängt, in diesen bloßen Hintergrund des Selbst geschoben. Mit der Individualität zusammen sinkt also auch die Gattung, sinken Gemeinschaften, Völker, Staaten, sinkt die ganze sittliche Welt zur bloßen Voraussetzung des Selbst herab. Dies alles ist dem Selbst nur etwas, was es hat; es lebt nicht darin wie die Persönlichkeit; es ist ihm nicht die Luft seines Daseins, in der es atmet; Atmosphäre des Daseins ist ihm nur – es selbst. Die ganze Welt, und insbesondere die ganze sittliche Welt, liegt in seinem Rücken; es ist „darüber hinaus“, – nicht als ob es sie nicht brauchte, aber in dem Sinn, daß es ihre Gesetze nicht als seine Gesetze anerkennt, sondern als bloße Voraussetzungen, die ihm gehören, ohne daß es hin- wiederum ihnen gehorchen müßte. Die Welt des Ethischen ist dem Selbst bloß „sein“ Ethos; weiter ist nichts von ihr geblieben. Das Selbst lebt in keiner sittlichen Welt, es hat sein Ethos. Das Selbst ist meta-ethisch.

DER ANTIKE MENSCH

Das Selbst in seiner gebirgshaft „edel-stummen“ Einsamkeit, in seiner Gelöstheit von allen Beziehungen des Lebens, seiner erhabenen Beschränktheit in sich selbst – woher ist es uns bekannt, wo haben wir es schon mit Augen gesehen? Die Antwort wird leicht, wenn wir uns erinnern, wo wir den metaphysischen Gott, die metalogische Welt als Gestalten des Lebens erblickt haben. Auch der metaethische Mensch ist in der Antike, und vornehmlich wieder in der wahrhaft klassischen Antike der Griechen, lebendige Gestalt gewesen. Gerade dort, wo die persönlichkeitenverzehrende Kraft der Gattung sich in der Erscheinung der Polis, uneingeschränkt durch Gegenkräfte, Gestalt gab, gerade dort nahm auch die aller Rechte der Gattung sich überhebende Gestalt des Selbst in stolzer Vereinzelung ihren Thronsitz ein, wohl auch in den Ansprüchen der sophistischen Theorien, die das Selbst zum Maß der Dinge machten, vornehmlich aber, mit der Wucht der Sichtbarkeit, in den großen Gleichzeitern jener Theorien, den Helden der attischen Tragödie.

Sprache
ASIEN: DER UNTRAGISCHE MENSCH
INDIEN

Der antike tragische Held ist nichts andres als das metaethische Selbst. Deswegen ist das Tragische nur dort lebendig geworden, wo das Altertum den ganzen Weg bis zur Erstellung dieses Menschenbildes ausgeschritten ist. Indien und China, die auf dem Wege vor erreichtem Ziel Halt machten, haben das Tragische we- der im dramatischen Kunstwerk noch in der Vorform der volkstümlichen Erzählung erreicht. Indien ist nie bis zur trotzigen Gleichheit des Selbst in allen Charakteren gekommen; der indische Mensch bleibt im Charakter stecken; es gibt keine charakterstarrere Welt als die der indischen Dichtung; es gibt auch kein Menschheitsideal, das so allen Gliederungen des natürlichen Charakters eng verhaftet bleibt wie das indische; nicht den Geschlechtern etwa oder den Kasten nur gilt ein besonderes Lebensgesetz, sondern sogar den Lebensaltern; dies ist das Höchste, daß der Mensch diesem Gesetz seiner Besonderheit gehorcht; nicht jeder hat das Recht oder gar die Pflicht, etwa Heiliger zu sein; ganz im Gegenteil ist es dem Manne, der noch keine Familie gegründet hat, gradezu ver- wehrt; auch Heiligkeit ist hier eine Besonderheit unter anderen, während das Heroische das allgemeine und gleiche innere Lebensmuß eines jeden ist. Wieder greift erst die in Buddha aufgipfelnde Askese hinter diese Besonderheit des Charakters zurück. Der Voll- endete ist von allem erlöst, nur von seiner eigenen Vollendetheit nicht. Alle Bedingungen des Charakters sind fortgefallen, es gilt hier weder Alter noch Kaste noch Geschlecht; aber geblieben ist der eine unbedingte nämlich von aller Bedingung erlöste Charakter, eben der des Erlösten. Auch das ist ja noch Charakter; der Erlöste ist geschieden vom Unerlösten; aber die Scheidung ist eine ganz andre als die, welche sonst Charakter von Charakter scheidet; sie liegt hinter die- sen bedingten Scheidungen als die eine unbedingte. So ist der Erlöste der Charakter im Augenblick seines Hervorgehens aus – oder richtiger: seines Eingehens in das Nichts. Zwischen dem Erlösten und dem Nichts liegt wirklich nichts weiter mehr als der Beisatz von Individualität, mit dem der Charakter infolge der Weltteilhaftigkeit alles Lebendigen, solange es lebt, versetzt ist. Der Tod, der dies Stück Individualität in die Welt zurückfluten läßt, räumt diese letzte Scheidewand, die den Erlösten vom Nichts scheidet, weg und entkleidet ihn sogar des Charakters der Erlöstheit.

CHINA

Was Indien dem Charakter und der Besonderheit zu viel gibt, das tut China zu wenig. Während die Welt hier reich und überreich an Individualität ist, ist der Mensch, soweit er nicht als Weltteil gewissermaßen von außen gesehen wird, der innere Mensch also, gradezu charakterlos; der Begriff des Weisen, wie ihn klassisch wieder Kongfutse verkörpert, wischt über alle mögliche Besonderheit des Charakters hinweg; er ist der wahrhaft charakterlose, nämlich der Durchschnittsmensch. Es mag zur Ehre des Menschengeschlechts gesagt sein, daß wohl nirgends als nur hier in China ein so langweiliger Mensch wie Kongfutse zum klassischen Musterbild des Menschlichen hat werden können. Etwas ganz andres als Charakter ist es, was den chinesischen Menschen auszeichnet: eine ganz elementare Reinheit des Gefühls. Das chinesische Ge- fühl ist ohne jede Beziehung zum Charakter, gewissermaßen ohne jede Beziehung zu seinem eigenen Träger, etwas rein Gegenständliches; es ist, in dem Augenblick wo es gefühlt wird, und ist, weil es gefühlt wird. Keine Lyrik irgend eines Volks ist so reiner Spiegel der sichtbaren Welt und des unpersönlichen, aus dem Ich des Dichters entlassenen, ja gradezu aus ihm abgetropften Gefühls. Es gibt Verse des großen Litaipe, die kein Übersetzer ohne das Wort Ich wieder- zugeben wagt und die gleichwohl im Urtext, wie es die Eigenart der chinesischen Sprache erlaubt, ohne jede Andeutung irgendwelcher Personalität, gewissermaßen also rein in der Es-Form, gehalten sind. Die Reinheit des doch ganz augenblicklichen Gefühls – was ist das anders als der Wille, dem es nicht beschieden ward, sich an einem Charakter zu verkörpern, die Wallung, die nur Wallung bleibt ohne irgend ein Substrat. Hinter diese Reinheit und Unverstelltheit des Gefühls langt nun wieder der große Weise, der in China selber China überwand, Laotse. Das Gefühl, so elementar und so charakterentblößt es war, hatte noch Inhalt; so war es noch sichtbar, aussprechbar, – benennbar. Von Laotse aber heißt es: er wollte namenlos bleiben. Diese „Verborgenheit des Selbst“ ist es, die er auch seinem Vollkommenen vorschreibt: Unmerkbarkeit, Unbezeugtheit, ein Gehenlassen der Dinge; wie der Urgrund selber so muß auch der Mensch jenseits sein von Tun und Nichttun; er schaut nicht zum Fenster heraus und deshalb sieht er den Himmel; er hilft, indem er selber das Nichttun tut, allen Wesen zu ihrem Tun; seine Liebe ist namenlos und verborgen wie er selbst.

PRIMITIVER IDEALISMUS

Zwiefach wie die vollkommene Gottesleugnung und die vollkommene Weltverneinung ist so auch die vollkommene Selbstauflösung in Buddhas Selbstüberwindung, in Laotses Selbstverhehlung. Zwiefach müssen sie alle sein, denn die lebendigen Götter lassen sich nicht leugnen, die gestaltete Welt läßt sich nicht verneinen, das trotzige Selbst läßt sich nicht auslöschen. Nur über die bloßen Elemente, die Hälften, die noch nicht zur Einheit der Gestalt zusammengewachsen sind, haben die Mächte der Vernichtung und Entwesung Gewalt. Im Selbstüberwinden also und Selbstverhehlen geschieht allezeit die Auslöschung des Selbst, die einzige, die hart an das völlige Nichts des Selbst heranführt, ohne doch darin zu verschwinden; denn im Überwinden wie im Verhehlen ist doch immerhin noch der Mensch es, der überwindet und verhehlt. Neben die Gottesangst und den Weltwahn tritt die letzte der elementaren Mächte der Urzeit: der Menschendünkel des Magiers, der sich dem nur über das Selbst gewaltigen Schicksal durch Kraft oder List zu entziehen weiß und so sich den Trotz des Helden erspart. Wieder haben Indien wie China da für immer die beiden einzigen Wege gezeigt, auf die der Mensch allezeit vor seinem Selbst ausweichen kann, wenn er den Mut tragisch zu werden nicht aufbringt. Mag das streng erst für jene beiden letzten Steigerungen dieses urmenschlichen Dünkels, den buddhistischen Erlösten und den Vollkommenen des Laotse gelten, – geschichtlich erzeugt Indiens wie Chinas Boden überhaupt das Gewächs des Tragischen nicht. Die Bedingtheit der Charakterbesonderung dort, die Unpersönlichkeit des Gefühls hier, und die Trennung der beiden von einander – dies alles läßt das Tragische nicht aufkommen; denn das setzt zu sei- nem Aufkommen die Ineinandergewachsenheit eines Willens und Wesens zur seßhaften Einheit des Trotzes voraus. Statt zum tragischen Heros kommt es auf jenem Boden höchstens zur rührenden Situation. Im Rührenden erstickt das Selbst in seinem Unglück. Im Tragischen verliert das Unglück alle selbständige Macht und Bedeutung; es gehört zu den Elementen der Besonderheit, auf die das Selbst das Siegel seines Trotzes drückt, dies immer gleiche Siegel – si fractus illabatur orbis: Sterbe meine Seele mit den Philistern!

DER TRAGISCHE HEROS GILGAMESCH

Noch vor Simsons und Sauls tragischem Trotz hat das älteste Vorderasien in jener Gestalt, die an der Grenze des Göttlichen und Menschlichen steht, in Gilgamesch, den Urtyp des tragischen Helden aufgestellt. Gilgameschs Lebenskurve führt durch die drei festen Punkte: der Anfang ist das Erwachen des menschlichen Selbst in der Begegnung mit Eros; es folgt die gerade Linie der tatenreichen Fahrt, die jäh abbricht in dem letzten und entscheidenden Ereignis, der Begegnung mit Thanatos. Diese ist hier gewaltig vergegenständlicht, in- dem es zunächst nicht unmittelbar der eigene Tod ist, der dem Helden entgegentritt, sondern der Tod des Freundes; aber er erfährt an ihm die Furcht des Todes überhaupt. Die Zunge versagt ihm in dieser Begegnung den Dienst; er „kann nicht schreien, kann nicht schweigen“, aber er unterwirft sich auch nicht; sein ganzes Dasein wird zum Bestehen dieser einen Begegnung; sein Leben bekommt den Tod, den eigenen Tod, den er im Tode des Freunds erblickt hat, zum einzigen Inhalt. Es ist gleichgültig, daß ihn zuletzt der Tod auch noch selber holt; das Eigentliche liegt da schon hinter ihm; der Tod, der eigne Tod ist beherrschendes Ereignis sei- nes Lebens geworden; er selbst ist in die Sphäre getreten, wo die Welt mit ihrem Wechsel von Schreien und Schweigen den Menschen anfremdet, in die Sphäre der reinen erhabenen Stummheit, des Selbst.

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DIE ATTISCHE TRAGÖDIE

Denn das ist das Merkzeichen des Selbst, das Siegel seiner Größe wie auch das Mal seiner Schwäche: es schweigt. Der tragische Held hat nur eine Sprache, die ihm vollkommen entspricht: eben das Schweigen. So ist es von Anfang an. Das Tragische hat sich gerade deshalb die Kunstform des Dramas geschaffen, um das Schweigen darstellen zu können. In der erzählenden Dichtung ist das Schweigen die Regel, die dramatische kennt im Gegenteil nur das Reden, und dadurch erst wird das Schweigen hier beredt. Indem der Held schweigt, bricht er die Brücken, die ihn mit Gott und Welt verbinden, ab und erhebt sich aus den Gefilden der Persönlichkeit, die sich redend gegen andre abgrenzt und individualisiert, in die eisige Einsamkeit des Selbst. Das Selbst weiß ja von nichts außer sich, es ist einsam schlechthin. Wie soll es diese seine Einsamkeit, dieses starre Trotzen in sich selbst, anders betätigen als eben indem es schweigt? Und so tut es in der äschyleischen Tragödie, wie schon den Zeitgenossen auffiel. Das Heroische ist stumm. Wenn die großen aktlangen Schweigen der äschyleischen Personen bei den Späteren sich nicht finden, so wird dieser Gewinn an „Natürlichkeit“ durch einen größeren Verlust an tragischer Kraft erkauft. Denn es ist mitnichten etwa so, daß die stummen Helden des Äschylos bei Sophokles und Euripides Sprache, die Sprache ihres tragischen Selbst, gewönnen. Sie lernen nicht sprechen, sie lernen bloß debattieren. Hier überwuchert jene uns heute verzweifelt frostig anhauchende Disputierkunst des dramatischen Zwiegesprächs, das in endlosen Hin- und Herwendungen den Inhalt der tragischen Situation verstandesmäßig auseinanderlegt und dadurch das eigentlich Tragische, das jenseits aller Situationen trotzende Selbst, dem Blick solange entzieht, bis einer je- ner lyrischen Monologe, zu denen das Dasein des Chors immer wieder den Anlaß gibt, dann doch wieder das Tragische in die Mitte rückt. Die ungeheure Wichtigkeit dieser lyrisch-musikalischen Partien in der Ökonomie des dramatischen Ganzen beruht eben darauf, daß die Attiker im eigentlich Dramatischen, im Dialog, nicht die Form fanden, das Heroisch-Tragische zum Ausdruck zu bringen. Denn das Heroische ist Wille, und der attische Dialog ist, um den Ausdruck des ältesten Theoretikers, des Aristoteles selber, zu gebrauchen, „dianoetisch“, – verstandesmäßige Auseinandersetzung.
Diese Grenze des attischen Dramas ist nun freilich keine bloß technische. Das Selbst kann eben nur schweigen. Allenfalls kann es noch sich lyrisch-monologisch zu äußern suchen, obwohl ihm schon diese Äußerung, eben als Äußerung, nicht mehr ganz angemessen ist; das Selbst äußert sich nicht, es ist vergraben in sich. Aber sowie es ins Gespräch tritt, hört es auf, Selbst zu sein; Selbst ist es nur, solang es allein ist. So büßt es im Dialog selbst den Anlauf zu einer Sprache ein, den es im Monolog schon genommen hatte. Der Dialog bringt keine Beziehung zwischen zwei Willen zustande, weil jeder dieser Willen nur sei- ne Vereinzelung wollen kann. So kommt es, daß das attische Drama das technische Glanzstück des modernen, die Überredungsszene, wo ein Wille einen andern Willen bricht und lenkt, die Szene etwa, wo „in solcher Laun’ ein Weib gefreit” wird, nicht kennt. Auch die vielbemerkte Tatsache, daß der antiken Dramatik die Liebesszene fremd ist, findet hier ihre letzte, zugleich technische und geistige Erklärung; die Liebe kann höchstens monologisch als unerfülltes Verlangen er- scheinen; Phädras Unglück des erwiderungslosen Gefühls ist antik bühnenmöglich, Julias Glück des wechselweis gesteigerten Gebens und Habens nicht. Vom Willen des tragischen Selbst führt keine Brücke nach irgend einem Außen, und sei dies Außen auch ein andrer Wille. Sein Wille sammelt als auf den eigenen Charakter gerichteter Trotz alle Wucht nach innen.
Dies Fehlen aller Brücken und Verbindungen, dies nur nach innen Gekehrtsein des Selbst ist es auch, was jene eigentümliche Dunkelheit über Göttliches und Weltliches ausgießt, in der sich der tragische Held bewegt. Er versteht nicht, was ihm widerfährt, und er ist sich bewußt, es nicht verstehen zu können; er versucht gar nicht, in das rätselhafte Walten der Götter einzudringen. Die Hiobsfragen nach Schuld und Schicksal mögen von den Dichtern gestellt werden; die Helden selber, anders als Hiob, kommen gar nicht auf den Ge- danken, sie zu stellen. Täten sie es, so müßten sie ihr Schweigen brechen. Das bedeutete aber ein Heraustreten aus den Mauern ihres Selbst, und ehe sie das tun, dulden sie lieber stumm und steigen die Stufen der in- neren Erhöhung des Selbst hinan wie Ödipus, dessen Tod das Rätsel seines Lebens ganz ungelöst läßt und dennoch, gerade weil er es gar nicht berührt, den Hel- den in seinem Selbst ganz einschließt und befestigt.
Überhaupt ist dies der Sinn des Untergangs des Hel- den. In der Tragödie wird leicht der Anschein erweckt, als müßte der Untergang des Einzelnen irgend ein gestörtes Gleichgewicht der Dinge wiederherstellen. Aber dieser Anschein beruht nur auf dem Widerspruch zwischen dem tragischen Charakter und der dramatischen Fabel; das Drama als Kunstwerk braucht beide Hälften dieses Widerspruchs, um zu bestehen; aber das eigentlich Tragische wird dadurch verwischt. Der Held als solcher muß nur untergehen, weil der Untergang ihm die höchste Verheldung, nämlich die geschlossenste Verselbstung seines Selbst ermöglicht. Er verlangt nach der Einsamkeit des Untergangs, weil es keine größere Einsamkeit gibt als diese. Deshalb stirbt der Held eigentlich auch nicht. Der Tod sperrt ihm gewissermaßen nur die Temporalien der Individualität. Der zum heldischen Selbst geronnene Charakter ist unsterblich. Die Ewigkeit ist ihm gerade gut genug, sein Schweigen wiederzutönen.

PSYCHE

Unsterblichkeit – damit haben wir ein letztes Ver- langen des Selbst berührt. Nicht die Persönlichkeit, aber das Selbst fordert für sich Ewigkeit. Die Persönlichkeit begnügt sich an der Ewigkeit der Beziehungen, in die sie ein- und aufgeht; das Selbst hat keine Beziehungen, es kann keine eingehen, es bleibt immer es selbst. So ist es sich bewußt, ewig zu sein; seine Unsterblichkeit ist Nichtsterbenkönnen. Alle antike Unsterblichkeitslehre kommt auf dies Nichtsterbenkönnen des losgelösten Selbst hinaus; die Schwierigkeit besteht theoretisch nur darin, diesem Nichtsterbenkönnen einen natürlichen Träger, ein „etwas“, das nicht sterben kann, ausfindig zu machen. So kommt die antike Psychologie zustande. Die Psyche soll das natürliche Etwas sein, das schon von Natur wegen todesunfähig ist. So wird sie vom Leib theoretisch getrennt und Träger des Selbst. Aber diese Verkettung des Selbst mit einem letzthin eben doch nur natürlichen Träger, eben der „Seele“, macht die Unsterblichkeit zu einem höchst prekären Besitz. Die Seele, wird behauptet, kann nicht sterben; aber da sie in die Natur verflochten ist, so wird das Nichtsterbenkönnen zur unermüdlichen Verwandlungsfähigkeit; die Seele stirbt nicht, aber sie wandert durch die Leiber. So wird dem Selbst in der Unsterblichkeit das Danaergeschenk der Seelenwanderung mitgegeben und damit die Unsterblichkeit gerade für das Selbst entwertet. Denn das Selbst, wenn es denn im Trotz auf die Unbeschränktheit seines vergänglichen Wesens Unsterblichkeit verlangt, verlangt eine Unsterblichkeit ohne Wandel und Wanderung; es verlangt Selbst-Erhaltung. Indem es aber mit der „Seele“ ver- kettet wird, der „Seele“ nach dem antiken Sinn des Worts, der ausdrücklich nicht das Ganze des Men- schen, sondern nur einen „Teil“, den nichtsterbenkönnenden, bezeichnet, wird dem Selbst sein Verlangen nur wie zum Hohne erfüllt. Das Selbst bleibt es selbst, aber es geht durch die unkenntlichsten Gestalten, denn keine jener Gestalten wird sein Besitz; aber es behält auch sein Eigenes, den Charakter, die Eigenart, nur dem Namen nach; in Wahrheit bleibt ihm bei seinem Gang durch die Gestalten nichts Erkennbares davon übrig. Es bleibt Selbst nur in seiner vollkommenen Stummheit und Beziehungslosigkeit; die behält es auch bei seiner Verwandlung; es bleibt immer das einzelne, einsame, sprachlose Selbst. Eben auf die- se Sprachlosigkeit müßte es Verzicht tun, es müßte aus dem einsamen Selbst zur sprechenden Seele werden, – Seele aber hier in einem andern Sinn, wo das Wort ein Ganzes des Menschen jenseits des Gegensatzes von „Leib und Seele“ meint. Würde das Selbst zur Seele in diesem Sinn, dann wäre ihm auch Unsterblichkeit in einem neuen Sinn gewiß, und der gespenstische Ge- danke der Seelenwanderung verlöre seine Kraft. Aber wie das geschehen sollte, wie dem Selbst die Zunge gelöst, das Ohr erschlossen werden sollte, das ist vom Selbst aus, wie wir es bis jetzt kennen, gar nicht vorzustellen. Vom in sich versenkten „B=B“ führt kein Weg hinaus ins tönende Freie, alle Wege nur tiefer ins Schweigen des Innern hinein.

Sprache
ÄSTHETISCHE GRUNDBEGRIFFE: GEHALT

Und dennoch, eine Welt gibt es, wo dies Schweigen selber schon Sprache ist, nicht freilich Sprache der Seele, aber dennoch Sprache, eine Sprache vor der Sprache, Sprache des Unausgesprochenen, Unaussprechlichen. Wie das Mythische der metaphysischen Theologie in der ausschließenden Abgeschlossenheit der äußeren Form das Reich des Schönen, wie das Plastische der metalogischen Kosmologie in der Insichgeschlossenheit der inneren Form das Kunstwerk, das schöne Ding, gründete, so legt das Tragische der metaethischen Psychologie in dem beredten Schweigen des Selbst den Grund des wortlosen Verstehens, auf dem die Kunst erst eine Wirklichkeit werden kann. Der Gehalt ist es, der hier entsteht. Der Gehalt ist das, was zwischen dem Künstler und dem Betrachter, ja zwischen dem Künstler als lebendigen Menschen und dem Künstler, der über seine Lebendigkeit hinaus das Werk in die Welt setzt, die Brücke schlägt. Und dieser Gehalt ist nicht die Welt, denn die ist zwar allen gemeinsam, aber so, daß jeder seinen individuellen Anteil, seinen besonderen Standpunkt in ihr hat.
Der Gehalt muß etwas unmittelbar Gleiches sein, et- was, was die Menschen nicht untereinander teilen wie die gemeinsame Welt, sondern etwas, was in allen gleich ist. Und das ist nur das Menschliche schlechthin, das Selbst. Das Selbst ist das, was im Menschen zum Schweigen verurteilt ist und dennoch überall sofort verstanden wird. Es braucht bloß sichtbar gemacht, bloß „dargestellt“ zu werden, um in jedem andern gleichfalls das Selbst zu erwecken. Es selber verspürt dabei nichts, es bleibt gebannt in die tragische Lautlosigkeit, es starrt unverwandt in sein Inneres; wer es aber sieht, in dem erwachen, wie es wiederum schon Aristoteles voll ahnenden Tiefsinns formulierte, „Furcht und Mitleid“. Im Beschauer werden sie wach und richten sich sofort in sein eigenes Inneres, machen ihn zum Selbst. Würden sie im Helden selber wach, so hörte er auf, stummes Selbst zu sein; „Phobos“ und „Eleos“ würden sich als „Ehrfurcht und Liebe“ enthüllen, die Seele Sprache gewinnen und das neugeschenkte Wort von Seele zu Seele ziehen. Nichts von solchem Zueinanderkommen hier. Alles bleibt stumm. Der Held, der Furcht und Mitleid in andern erweckt, bleibt selber unbewegtes starres Selbst. Im Beschauer wiederum schlagen sie sofort nach innen, machen auch ihn zum in sich selber eingeschlossenen Selbst. Jeder bleibt für sich, jeder bleibt Selbst. Es entsteht keine Gemeinschaft. Und dennoch entsteht ein gemeinsamer Gehalt. Die Selbste kommen nicht zueinander, und dennoch klingt in allen der gleiche Ton, das Gefühl des eigenen Selbst. Diese wortlose Übertragung des Gleichen geschieht, obwohl noch keine Brücke führt von Mensch zu Mensch. Sie geschieht nicht von Seele zu Seele – es gibt noch kein Reich der Seelen; sie geschieht von Selbst zu Selbst, von einem Schweigen zum andern Schweigen.
Das ist die Welt der Kunst. Eine Welt stummen Ein- verständnisses, die keine Welt ist, kein wirklicher, hin und her lebendiger Zusammenhang der hin und wider ziehenden Rede, und dennoch an jedem Punkt fähig, auf Augenblicke belebt zu werden. Kein Laut durch- bricht dies Schweigen, und dennoch kann in jedem Augenblick ein jeder das Innerste des andern in sich selber spüren. Es ist die Gleichheit des Menschlichen, die hier als Gehalt des Kunstwerks wirksam wird, vor aller wirklichen Einheit des Menschlichen. Noch vor aller wirklichen Menschensprache schafft die Kunst als Sprache des Unaussprechlichen die erste und für alle Zeit unter und neben der eigentlichen Sprache unentbehrliche stumme Verständigung. Das Schweigen des tragischen Helden schweigt in aller Kunst und wird in aller Kunst verstanden ohne alle Worte. Das Selbst spricht nicht und wird doch vernommen. Das Selbst wird gesehen. Das reine stumme Schauen vollzieht in jedem Beschauer die Wendung hinein ins eigene Innere. Die Kunst ist keine wirkliche Welt; denn die Fäden, die in ihr von Mensch zu Mensch gezogen werden, laufen nur für Augenblicke, nur für die kurzen Augenblicke des unmittelbaren Schauens und nur am Ort des Schauens. Das Selbst wird nicht lebendig, indem es vernommen wird. Das Leben, das im Betrachter erweckt wird, erweckt nicht das Betrachtete zum Leben; es wendet sich im Betrachter selber sogleich nach innen. Das Reich der Kunst gibt den Boden, wo überall das Selbst erwachsen kann; aber jedes Selbst ist wieder ein ganz einsames, einzelnes Selbst; die Kunst schafft nirgends eine wirkliche Mehrheit von Selbsten, obwohl sie überall die Möglichkeit zum Erwachen von Selbsten herstellt: das Selbst, das erwacht, weiß dennoch nur von sich selbst. Mit andern Worten: das Selbst bleibt in der Scheinwelt der Kunst stets Selbst, wird nicht – Seele.

DER EINSAME MENSCH

Und wie sollte es Seele werden? Seele, das hieße her- austreten aus der in sich gekehrten Verschlossenheit; aber wie sollte das Selbst heraustreten? wer sollte es rufen – es ist taub; was sollte es hinauslocken – es ist blind; was sollte es draußen anfangen – es ist stumm. Es lebt ganz nach innen. Die Zauberflöte der Kunst allein konnte das Wunder vollbringen, den Gleichklang des menschlichen Gehalts in den Getrennten erklingen zu lassen. Und wie begrenzt war noch diese Magie! Wie blieb es eine Scheinwelt, eine Welt der bloßen Möglichkeiten, die hier entstand. Der gleiche Klang ertönte und wurde doch überall nur im eigenen Innern vernommen; keiner spürte das Menschliche als das Menschliche in andern, jeder nur unmittelbar im eigenen Selbst. Das Selbst blieb ohne Blick über seine Mauern, alle Welt blieb draußen. Hatte es sie in sich, so nicht als Welt, sondern nur als seinen eigenen Be- sitz. Die Menschheit, von der es wußte, war allein die in seinen eigenen vier Wänden. Es selbst blieb sich der einzige andre, den es sah, und jeder andre, der von ihm gesehen werden wollte, mußte in diesen seinen Sehraum hineingehn und darauf verzichten, als andrer gesehen zu werden. Die ethischen Ordnungen der Welt verloren so in diesem Sehraum des eigensinnigen Selbst allen eigenen Sinn; sie wurden zum bloßen Inhalt seiner Selbstschau. So mußte es wohl bleiben, was es war, das über alle Welt weggehobene, mit starrem Trotz ins eigene Innere star- rende und alles Fremde allein dort im Eignen und also nur als Eignes zu erblicken fähige, – alle ethische Ordnung eingeheimst zum eignen Ethos: so war und blieb das Selbst der Freiherr seines Ethos – das Metaethische.

goede vrijdag

aan het kruis

Genius – Agamben

Genius
Uit: Giorgio Agamben, Profanierungen, Frankfurt am Main 2005(Suhrkamp) p. 7-17

 

 

genius
Genius

Now my charms are all o’erthrown
And what strength I have is my own.
Prospero zum Publikum

Genius nannten die alten Römer den Gott, dessen Schutz jeder Mensch bei seiner Geburt anvertraut wird. Die Etymologie ist transparent und im Italienischen heute noch erkennbar an der Nähe zwischen genio (Genius) und generare (zeugen). Dass der lateinische genius mit generare zu tun hatte, geht im übrigen auch daraus hervor, dass genialis par excellence für die Lateiner das Bett war: genialis lectus, weil sich darin der Akt der Zeugung (generatia) vollzog. Und dem Genius heilig war der Tag der Geburt, der auf Italienisch noch heute genetliaco genannt wird (während im Deutschen nur noch Genethliakan -das antike Geburtstagsgedicht -existiert; A. d. Ü.). Die Geschenke und das Festessen, mit dem wir den Geburtstag feiern, sind trotz des widerwärtigen, aber wohl unvermeidlichen angelsächsischen Ohrwurms eine Erinnerung an das Fest und die Opfer, welche die römischen Familien an den Geburtstagen ihrer Angehörigen dem Genius darbrachten. Horaz spricht von ungemischtem Wein, einem zwei Monate alten Ferkel, einem »geopferten« (»im-mola-tus«), das heißt einem mit der salsa mala bestreuten Lamm; aber ursprünglich sollen es nur Weihrauch, Wein und köstliche Honigfladen gewesen sein, weil Genius, dem Gott, welcher der Herr über die Geburt ist, die blutigen Opfer nicht behagten.
»Er heißt mein Genius, weil er mich gezeugt hat (Genius meus naminatur, quia me genuit).« Aber das ist noch nicht alles. Genius war nicht nur die Personifizierung der sexuellen Energie. Freilich hatte jeder Mann seinen Genius und jede Frau ihre Juno, beide Manifestationen der Fruchtbarkeit, die das Leben zeugt und erhält. Aber wie sich deutlich zeigt an dem Begriff ingenium, der Bezeichnung für die Summe der körperlichen und geistigen Eigenschaften, die dem ins Sein Kommenden angeboren sind, war Genius gewissermaßen die Vergöttlichung der Person, das Prinzip, das ihr ganzes Dasein trägt und ausdrückt. Deshalb war dem Genius die Stirn geweiht, und nicht der Schamhügel; und die Geste, uns mit der Hand an die Stirn zu fassen, die wir, beinahe ohne es zu merken, in Augenblicken der Verwirrung machen, wenn es uns fast scheint, als wären wir uns selbst abhanden gekommen, erinnert an die rituelle Geste im Genius-Kult (unde venerantes deum tangimus frontem). Und da dieser Gott in gewissem Sinn der innerste und eigenste ist, muss man ihn in jeder Hinsicht und in jedem Augenblick des Lebens besänftigen und sich günstig stimmen.
Aufs wunderbarste tritt die geheime Beziehung, die jeder von uns mit seinem Genius pflegen sollte, in dem lateinischen Ausdruck indulgere Genio zu Tage. Man muss dem Genius nachgeben, sich ihm ergeben, dem Genius müssen wir alles gewähren, was er von uns verlangt, denn sein Bedürfnis ist unser Bedürfnis, sein Glück ist unser Glück. Auch wenn seine -unsere! -Ansprüche unsinnig und launenhaft erscheinen mögen, tun wir gut daran, sie ohne Widerrede zu akzeptieren. Wenn ihr -er -zum Schreiben genau das gelbliche Papier, einen bestimmten Stift braucht, und wenn es ausgerechnet das von links einfallende schwache Licht sein muss, dann sagt ihr euch vergeblich, dass jeder Stift zum Schreiben taugt, dass jedes Papier und jedes Licht in Ordnung ist. Wenn ohne das hellblaue Leinenhemd (um Gotteswillen nicht das weiße mit dem Angestelltenkragen!) das Leben nicht lebenswert ist, wenn ihr es ohne die langen Zigaretten mit dem schwarzen Papier absolut nicht schafft, dann hat es keinen Sinn, wenn ihr euch immer wieder sagt, das seien Verrücktheiten, man müsse endlich Vernunft annehmen. Genium suum defraudare, seinen Genius hintergehen bedeutet auf lateinisch: sich das Leben vergällen, sich selbst betrügen. Und genialis, dem Genius gemäß, ist das Leben, das den Blick vom Tod wegrückt und ohne Zaudern dem Antrieb des Genius folgt, der es gezeugt hat.
Aber dieser innerste und persönliche Gott ist auch das, was in uns an Unpersönlichem ist, die Personifizierung von etwas, das in uns ist, aber über uns hinausgeht und uns übersteigt. »Genius ist unser Leben, insofern es nicht aus uns entstanden ist, sondern uns hat entstehen lassen.« Gelegentlich scheint er sich mit uns zu identifizieren, aber nur, um gleich darauf zu offenbaren, dass er mehr ist als wir selbst, um uns zu zeigen, dass wir selbst mehr und weniger als wir selbst sind. Die in Genius enthaltene Auffassung vom Menschen begreifen heißt verstehen, dass der Mensch nicht nur Ich und individueller Bewusstsein ist, sondern dass er von der Geburt bis zum Tod eigentlich mit einem unpersönlichen und vorindividuellen Element zusammenlebt. Der Mensch ist somit ein einziges Wesen in zwei Phasen, das aus der komplizierten Dialektik zwischen einem (noch) nicht ausgemachten und gelebten Teil und einem schon vom Geschick und der individuellen Erfahrung gezeichneten entsteht. Doch ist der unpersönliche und nicht ausgemachte Teil keine chronologische Vergangenheit, die wir ein für allemal hinter uns gelassen haben und die wir im Bedarfsfall mit dem Gedächtnis heraufbeschwören können er ist immer noch anwesend, in uns und mit uns, im Guten und im Bösen und nicht von uns zu trennen. Das Knabengesicht des Genius, seine langen bebenden Flügel zeigen an, dass er die Zeit nicht kennt, so dass wir ihn in größter Nähe, in uns, wie in Kinderzeiten er schauern, atmen und als eine unerinnerbare Gegenwart gegen unsere fiebrigen Schläfen klopfen spüren.
Deshalb kann der Geburtstag nicht die Erinnerungsfeier eines vergangenen Tages sein, sondern, wie jedes wahre Fest, eine Aufhebung der Zeit, Epiphanie und Anwesenheit des Genius. Es ist diese Anwesenheit, die wir nicht von uns wegschieben können, die uns daran hindert, uns in einer substantiellen Identität abzukapseln, es ist Genius, der den Anspruch des Ichs, sich selbst zu genügen, in Stücke schlägt.
Die Geistigkeit, so wurde gesagt, ist vor allem das Bewusstsein dessen, dass das ausgemachte Wesen nicht gänzlich ausgemacht ist, sondern noch einen gewissen Schwung nicht ausgemachter Wirklichkeit enthält, der nicht nur aufbewahrt, sondern auch respektiert und in gewissem Sinn honoriert werden muss, so wie man seine Schulden honoriert. Aber Genius ist nicht nur Geistigkeit, er betrifft nicht nur die Dinge, die wir als edel und erhaben zu betrachten pflegen. Alles Unpersönliche in uns ist genialis, vor allem die Kraft, die das Blut in unseren Adern antreibt oder uns in Schlaf sinken lässt, die unbekannte Macht, die so sanft die Wärme in unserem Körper reguliert und verteilt und die Fasern unserer Muskeln entspannt oder zusammenzieht. Es ist der Genius, den wir dunkel ahnen im Inneren unseres physiologischen Lebens, dort, wo das Ureigenste das Fremdeste und Unpersönlichste, das Nächste das Entfernteste und Unbeherrschbarste ist. Wenn wir uns nicht dem Genius überließen, wenn wir nur Ich und Bewusstsein blieben, wären wir nicht einmal imstande zu urinieren. Mit dem Genius leben heißt in diesem Sinn im Innersten eines fremden Wesens leben, beständig eine Beziehung zu einer Region der Nichtkenntnis aufrechterhalten. Aber diese Region der Nichtkenntnis ist keine Verdrängung, sie verrückt und verlegt keineswegs die Erfahrung vom Bewusstsein ins Unbewusste, wo sie sich dann als eine unheimliche Vergangenheit ablagert, bereit, in Symptomen und Neurosen wieder aufzutauchen. Der vertraute Verkehr mit einer Region der NichtKenntnis ist eine tägliche mystische Praxis, in der das Ich in einer Art besonderer, freudiger Esoterik lächelnd seiner eigenen Auflösung beiwohnt und, sei es bei der Verdauung der Speisen oder bei der Erhellung des Geistes, ungläubiger Zeuge seines eigenen fortwährenden Schwundes ist. Genius ist unser Leben, insofern es uns nicht gehört.
Wir müssen also das Subjekt als ein Spannungsfeld ansehen, dessen antithetische Pole der Genius und das Ich sind. Durch dieses Feld gehen zwei miteinander verbundene, aber entgegengesetzte Kräfte, die eine vom Individuellen zum Unpersönlichen und die andere vom Unpersönlichen zum Individuellen. Die zwei Kräfte leben zusammen, schneiden einander, trennen sich, aber sie können sich weder vollständig voneinander emanzipieren noch vollkommen miteinander identifizieren. Auf welche Weise kann dann das Ich am besten vom Genius zeugen? Nehmen wir an, das Ich möchte schreiben. Nicht dieses oder jenes Werk schreiben, sondern einfach nur schreiben. Dieser Wunsch bedeutet: Ich spüre, dass der Genius irgendwo steckt, dass eine unpersönliche Gewalt in mir ist, die zum Schreiben drängt. Aber das letzte, was der Genius braucht, ist ein Werk, er, der nie eine Feder, geschweige denn einen Computer berührt hat. Man schreibt, um unpersönlich zu werden, um genialis zu werden, und doch legen wir uns schreibend als Autor dieses oder jenes Werkes fest, entfernen uns vom Genius, der nie die Form eines Ichs haben kann, geschweige denn eines Autors. Jeder Versuch des Ichs, des persönlichen Elements, sich den Genius anzueignen, ihn zu zwingen, im Namen des Ichs zu unterschreiben, ist notwendigerweise zum Scheitern verurteilt. Hierher gehören so erfolgreiche, ironische Aktionen wie die der Avantgarde, bei denen die Anwesenheit von Genius durch die Ent-Schaffung und die Zerstörung des Werks bestätigt wird. Aber wenn auch nur ein widerrufenes und zerstörtes Werk des Genius würdig sein könnte, wenn der wahrhaft »geniale« Künstler ohne Werk ist, so kann das Ich Duchamp doch nie mit dem Genius zusammenfallen und zieht unter der allgemeinen Bewunderung durch die Welt als der melancholische Beweis seines eigenen Nicht-Daseins, als der berüchtigte Träger seiner eigenen Untätigkeit.
Deswegen ist die Begegnung mit Genius schrecklich. Poetisch ist das Leben, das sich in der Spannung zwischen dem Persönlichen und dem Unpersönlichen, zwischen dem Ich und dem Genius befindet, aber panisch ist das Gefühl, dass Genius uns überall überragt und übertrifft, dass uns etwasunendlich Größeres geschieht, als wir ertragen zu können glauben. Deswegen fliehen die meisten Menschen entsetzt vor ihrem unpersönlichen Teil oder versuchen ihn heuchlerisch ihrer eigenen winzigen Statur anzupassen. Da kann es geschehen, dass das zurückgewiesene Unpersönliche in der Gestalt noch unpersönlicherer Symptome und Ticks, mit einer noch übertriebeneren Grimasse wieder auftaucht. Aber ebenso lächerlich und oberflächlich sind die, welche die Begegnung mit dem Genius als ein Privileg erleben, der Dichter, der sich in Positur wirft und sich wunder was einbildet oder, schlimmer, mit vorgetäuschter Bescheidenheit für die erwiesene Gnade dankt. Vor Genius gibt es keine großen Menschen, sondern alle sind gleich klein. Aber einige sind so kopflos, dass sie sich von ihm erschüttern und durchdringen lassen, bis sie schließlich zerbrechen. Andere, ernster, aber weniger glücklich, weigern sich, das Unpersönliche zu verkörpern, ihre Lippen einer Stimme zu leihen, die nicht ihre eigene ist.
Es gibt eine Ethik in den Beziehungen zu Genius, die den Rang jedes Wesens bestimmt. Den niedrigsten Rang belegen die -und es sind manchmal hochberühmte Autoren -, die auf ihr Genie zählen wie auf einen persönlichen Hexenmeister (»es gelingt mir alles hervorragend!«, »wenn du, mein Genius, mich nicht verlässt …«). Wievielliebenswerter und nüchterner ist da die Geste des Dichters, der ohne den zwielichtigen Helfershelfer auskommt, weil er weiß, dass »uns die Abwesenheit Gottes hilft«!
Die Kinder verspüren eine besondere Lust, wenn sie versteckt sind. Und nicht, weil sie zu guter Letzt gefunden werden wollen. Versteckt zu sein, sich im Wäschekorb oder in einem Schrank zu verkriechen oder sich in einer Ecke des Dachbodens verschwindend klein zusammenzukauern bereitet ihnen eine unvergleichliche Freude, auf die sie um nichts auf der Welt verzichten wollen. Von diesem kindlichen Herzklopfen stammt sowohl die Wollust, mit der sich Robert Walser die Bedingungen für seine Unlesbarkeit sichert (die Mikrogramme), wie auch das hartnäckige Verlangen Walter Benjamins, nicht erkannt zu werden. Sie sind die Wächter jener solitären Glorie, die dem Kind einst von seinem Bau geoffenbart wurde. Denn im Nicht-Erkannt werden feiert der Dichter seinen Triumph, genau wie das Kind, das sich bebend als der Genius loci seines Verstecks entdeckt.
Simondon sagt, wir treten durch die Gemütsbewegung in Beziehung zum Vorindividuellen. Sich erregen heißt das Unpersönliche spüren, das in uns ist, den Genius als Angst oder Freude, Sicherheit oder Wanken erleben.
Auf der Schwelle zur Region der Nicht-Kenntnis muss das Ich seine Eigenschaften ablegen, muss sich rühren lassen. Und die Leidenschaft ist das zwischen uns und Genius gespannte Seil, über das seiltänzerisch das Leben geht. Bevor uns noch die Außenwelt verwundert und erstaunt, betrifft uns die Anwesenheit dieses ewig unreifen, unendlich halbwüchsigen Teils in uns, der auf der Schwelle zu jeder Festlegung zögert. Und es ist dieser ausweichende Knabe, dieser hartnäckige puer, der uns zu den anderen hinschiebt, bei denen wir nur die Gemütsbewegung suchen, die in uns unverständlich geblieben ist, in der Hoffnung, dass sie sich wie durch ein Wunder im Spiegel des anderen kläre und erhelle. Wenn das Betrachten der Lust und der Leidenschaft des anderen die höchste Gemütsbewegung, die erste Politik ist, dann deshalb, weil wir beim anderen die Beziehung zum Genius, mit der wir allein nicht zu Rande kommen können unsere geheime Wonne und unsere hochmütige Agonie suchen.
Mit der Zeit spaltet sich Genius und beginnt eine ethische Färbung anzunehmen. Die Quellen sprechen, vielleicht beeinflusst von den zwei Dämonen in jedem Menschen bei den Griechen, von einem guten und einem bösen Genius, von einem weißen (albus) und von einem schwarzen (ater). Der erste treibt und rät uns zum Guten, der zweite verdirbt uns und macht uns dem Bösen gefügig. Horaz meint wahrscheinlich mit Recht, es handle sich in Wirklichkeit um einen einzigen Genius, der aber wandelbar ist, bald hell bald düster, bald weise bald verworfen. Das bedeutet, genau betrachtet, dass sich nicht der Genius wandelt, sondern unsere Beziehung zu ihm, die zuerst hell und klar ist und dann durchsichtig und düster wird. Unser Lebensprinzip, der Gefährte, der unser Dasein lenkt und liebenswert macht, verwandelt sich dann plötzlich in einen schweigsamen illegalen Begleiter, der uns auf Schritt und Tritt wie ein Schatten folgt und insgeheim gegen uns konspiriert. Die römische Kunst stellt die beiden Genii nebeneinander so dar: der eine hält eine brennende Fackel in der Hand, und der andere, der Todesbote, hält die Fackel nach unten gekehrt.
In dieser späten moralisierenden Darstellung tritt das Paradox des Genius in aller Deutlichkeit hervor: Wenn Genius unser Leben ist, insofern es uns nicht gehört, dann müssen wir etwas verantworten, für das wir nicht verantwortlich sind, dann haben unser Heil und unser Verderben ein knabenhaftes Antlitz, das nicht unser eigenes Antlitz ist.
Genius hat eine Entsprechung in der christlichen Vorstellung vom Schutzengel-eigentlich zweier Engel, eines guten und heiligen, der uns zum Heil führt, und eines bösen und perversen, der uns in die Verdammung treibt. Aber am klarsten und unerhörtesten wird er in der iranischen Engelskunde beschrieben. Nach dieser Lehre leitet ein Engel namens Daena, der die Gestalt eines schönen Mädchens hat, die Geburt jedes Menschen. Die Daena ist der himmlische Archetyp, nach dessen Bild das Individuum geschaffen wurde, zugleich der stumme Zeuge, der uns bespitzelt und in jedem Augenblick unseres Lebens begleitet. Trotzdem bleibt das Antlitz des Engels im Lauf der Zeit nicht unverändert, sondern verwandelt sich, wie das Bildnis des Dorian Gray, unmerklich bei jeder unserer Gebärden, bei jedem unserer Worte und jedem unserer Gedanken. So sieht die Seele im Augenblick des Todes ihren Engel je nach ihrer Lebensführung in ein noch schöneres Geschöpf oder in einen grauenhaften Dämon verwandelt auf sich zukommen und hört ihn flüstern: »Ich bin deine Daena, die deine Gedanken, deine Worte, deine Taten gebildet haben.« In einer schwindelerregenden Wende formt und zeichnet unser Leben den Archetyp, nach dessen Bild wir erschaffen wurden.
Wir geben in gewissem Maß alle klein bei mit Genius, mit dem, was in uns und nicht unser eigen ist. Die Art und Weise, wie sich jeder von Genius wegzuwenden, ihm zu entkommen sucht, macht seinen Charakter aus. Es ist die Grimasse, die Genius, insofern er gemieden und unausgedrückt gelassen wurde, auf das Gesicht des Ichs zeichnet. Der Stil eines Autors, wie die Anmut jedes Geschöpfs, hängt aber nicht so sehr von seinem Genius ab als vielmehr von dem, was in ihm ohne Genius ist, nämlich von seinem Charakter. Wenn wir jemanden lieben, so lieben wir deshalb weder seinen Genius noch seinen Charakter (geschweige denn sein Ich), sondern seine besondere Weise, den beiden zu entwischen, sein rasches Hin und Her zwischen Genius und Charakter. (Zum Beispiel den kindlichen Charme, mit dem jener Dichter aus Neapel heimlich ein Eis nach dem anderen verschlang oder die elastische Gangart des Philosophen, wenn er redend sein Zimmer durchmaß und plötzlich stehenblieb, um seinen Blick auf eine entfernte Ecke der Decke zu heften.)
Es kommt aber für jeden der Augenblick, in dem er sich von Genius trennen muss. Es kann nachts sein, unvermutet, wenn du beim Lärm einer vorbeiziehenden Gesellschaft, du weißt nicht warum, spürst, dass dich dein Gott verlässt. Oder sind wir es, die wir ihn verabschieden, in der klarsichtigen, letzten Stunde, in der wir zwar wissen, dass es ein Heil gibt, aber nicht mehr heil davonkommen wollen. Geh, Ariel! Es ist die Stunde, in der Prospero seine Zaubereien niederlegt und weiß, dass die Kraft, die ihm jetzt noch bleibt, seine eigene ist: die letzte Saison, die Spätzeit, in der der alte Künstler seinen Pinsel zerbricht und betrachtet. Was? Die Gebärden: zum ersten Mal nur unsere Gebärden, vollkommen entzaubert, bar jeglicher Magie. Denn gewiss, das Leben hat ohne Ariel sein Geheimnis verloren -und trotzdem wissen wir von irgendwoher, dass es uns erst jetzt gehört, dass wir erst jetzt ein rein menschliches und irdisches Leben zu leben beginnen, das Leben, das seine Versprechen nicht gehalten hat und uns deshalb jetzt unendlich mehr geben kann. Es ist die erschöpfte und in der Schwebe befindliche Zeit, der jähe Halbschatten, in dem wir Genius allmählich vergessen, es ist die erhörte Nacht. Hat Ariel je existiert? Was ist diese Musik, die verklingt und entschwindet? Nur der Abschied ist wahr, erst jetzt beginnt das lange, lange Verlernen seiner selbst. Bevor der langsame Knabe sich gebieterisch, eins nach dem anderen, sein Erröten, sein Zögern wiederholt.

Simone Weil: Philosophie

Philosophie

El Fulgor

 

Simone Weil Cahiers- Aufzeichnungen bd 4 p. 67-72

LONDONER NOTIZBUCH

Sommer 1943
Die eigentliche Methode der Philosophie besteht darin, die unlösbaren Probleme in ihrer Unlösbarkeit klar zu erfassen, sie dann zu betrachten, weiter nichts, unverwandt, unermüdlich, Jahre hindurch, ohne jede Hoffnung, im Warten.
Nach diesem Kriterium gibt es wenig Philosophen. Wenig ist noch viel gesagt.
Der Übergang zum Transzendenten vollzieht sich, wenn die menschlichen Fähigkeiten -Verstand, Wille, menschliche Liebe- an eine Grenze stoßen und der Mensch auf dieser Schwelle verharrt über die hinaus er keinen Schritt tun kann, und dies, ohne sich von ihr abzuwenden, ohne zu -wissen, was ‘er begehrt, und angespannt im Warten.

Das ist ein Zustand äußerster Demütigung. Unmöglich für jeden, der nicht fähig ist, die Demütigung anzunehmen.
Das Genie ist die übernatürliche Kraft der Demut im Bereich des Denkens. Das ist beweisbar.
Solange sich das Denken eines Menschen in dem Bereich bewegt, in dem die Geister eines sehr verfeinerten Milieus wohnen, ist es empfänglich für menschliche Kontrolle, begrenzt durch menschliche Urteile.
Sobald es diesen Bereich überschreitet, kann nichts Menschliches ihm mehr als Kontrolle oder Grenze dienen.

Die Versuchung des Stolzes ist in diesem Augenblick stärker als zuvor.
Wer sich in dieser Lage befindet, kann der Verirrung, der Täuschung, der Lüge nun durch die Gnade Gottes entkommen, wenn er aus tiefstem Herzen zu ihm fleht, mit vollkommenem Glauben und vollkommener Demut.
Andernfalls muss er entweder wieder etwas hinabsteigen, um in den Bereich zu gelangen, in den seine Freunde eintreten können, oder er muss sich vom Teufel mitreißen lassen.
In beiden Fällen kann er vortäuschen, ein Genie zu sein, und seinen Namen mit einem Ruhm umgeben, der die Jahrhunderte durchschreitet.

Aber es ist Gotteslästerung, etwas Genie zu nennen, was der Wahrheit nicht fähig ist. Die Verbindung zwischen Demut und wahrer Philosophie war in der Antike bekannt. Beschimpft, geschlagen und sogar geohrfeigt zu werden und es ohne die geringste Reaktion instinktiver Würde zu ertragen, wurde unter den sokratischen,
kynischen, stoischen Philosophen als ein Teil der Pflicht des Berufsstandes betrachtet.
Da das christliche Apostolat ein Verwandter oder identischer Berufsstand ist, muss Christi Vorschrift an die Jünger “haltet die andere Wange hin« auch so betrachtet werden, als eine Verpflichtung der besonderen Rolle des Apostolats, nicht als eine Verpflichtung des christlichen Lebens.

Die reine Erfüllung der vorgeschriebenen Handlungen, nicht mehr und nicht weniger, das heißt der Gehorsam, ist für die Seele, was die Bewegungslosigkeit für den Körper ist. Genau das ist der Sinn der Gita.
Wie soll man erkennen, dass eine Handlung vorgeschrieben ist?
Man muss die menschlichen Verpflichtungen ausführen, im Rahmen der gesellschaftlichen Beziehungen, in die man hineingestellt ist, außer es gibt ein besonderes Gebot Gottes, sich davon zu entfernen.
Arjunas Fehler ist, dass er gesagt hat, er werde nicht kämpfen, anstatt Krishna anzuflehen – nicht in diesem Augenblick, sondern schon viel früher-, er solle ihm vorschreiben, was zu tun sei.
Wer weiß, wie die Antwort dann gelautet hätte. Die Gita und die Antigone haben scheinbar entgegengesetzte Bedeutungen; in Wirklichkeit derselbe Geist. Einander ergänzend.

Durch die Wirkung einer von der Vorsehung herrührenden Bestimmung sind die Wahrheit und das Unglück gleichermaßen stumm.

Durch diese Stummheit ist die Wahrheit unglücklich. Denn nur die Beredsamkeit ist hier unten glücklich. Durch diese Stummheit ist das Unglück wahr. Es lügt nicht. Durch die Wirkung einer anderen von der Vorsehung herrührenden Bestimmung besitzen die Wahrheit und das Unglück gleichermaßen Schönheit.
Infolgedessen kann, trotz ihrer Stummheit, die Aufmerksamkeit sich auf sie richten.
Es ist wahrhaftig, buchstäblich wahr, wie Platon es Sokrates im Phaidon sagen lässt, dass die Vorsehung, nicht die Notwendigkeit, die einzige Erklärung für das Universum ist. Die Notwendigkeit ist eine der ewigen Bestimmungen der Vorsehung.
Was in der wahren Bild liehen Darstellung des Unglücks die Schönheit hervorruft, ist das Licht der Gerechtigkeit in der Aufmerksamkeit dessen, der das Bild gezeichnet hat, eine durch die Schönheit ansteckend gemachte Aufmerksamkeit.
Nur ein vollkommen Gerechter konnte die Ilias schreiben.
Im Fallen aus einer vom Glauben erleuchteten Kultur heraus haben die Menschen wahrscheinlich zuallererst die Geistigkeit der Arbeit verloren.
Zur Zeit brodelt genau diese fehlgeschlagene Erfindung einer Geistigkeit der Arbeit in uns.
Könnte das ein Zeichen für einen Kreislauf sein, der sich schließt?
Vor der Sklaverei hat es eine Kultur der Geistigkeit der Arbeit gegeben. Es gibt zuverlässige Spuren dafür. Die Überlieferungen über die Götter-Lehrer der Handwerke, Dionysos und Eleusis, das Echo der Überlieferungen, das sich im »gib mir einen Standpunkt« von Archimedes widerspiegelt, im »statera facta corporis«, verbunden mit der Waage, dem Bleilot etc. des ägyptischen Märchens.
Diese Symbole waren uns mit ihrer Bedeutung gegeben worden.
»Durch das Dharma schreibt der Schwache dem Starken Befehle vor. « Wie bei der Waage mit ungleichen Armen siegt das Gramm über das Kilo.
Durch das Lesen dieser Symbolik hört die Seele auf, durch das fortwährende Lesen der Gewalt in der Materie zerrieben zu werden.
Gott hat seine Unterschrift in die Notwendigkeit gesetzt. Postulat:
Dieses Universum ist eine Maschine, die das Heil jener herstellen soll, die darin einwilligen.
(Das ist es, was Paulus sagt: Alle Dinge wirken bei demjenigen mit, der Gott liebt.)

Verlangen und Erfüllung.

Das Verlangen, weniger unvollkommen zu werden, macht nicht weniger unvollkommen.
Das Verlangen, vollkommen zu werden, macht weniger unvollkommen.
Es ist also eine Erfahrungstatsache, dass die Vollkommenheit wirklich ist.
Platon hat es bestimmt gewusst.
Das ist der Beweis des Johannes in seinem Brief, der Beweis durch das ewige Leben.
Christus am Kreuz hatte Mitleid mit seinem eigenen Leiden, als dem Leiden der Menschheit in ihm.
Sein Schrei: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen? « ist in ihm von allen Menschen ausgestoßen worden.
Wenn dieser Schrei einem Menschen ins Herz steigt, dann hat der Schmerz in den Tiefen seiner Seele jenen Teil geweckt, in dem, unter den Verbrechen begraben, eine Unschuld ruht, die der von Christus gleich ist.

Lear: »Gibt es irgend eine Ursache in der Natur, die diese harten Herzen hervorbringt? «
Das ist der Punkt von Christi Schrei.
Theophile. “Ach! dass die Schreie eines Unschuldigen … «
Das vollkommen reine Geschöpf (die Jungfrau), das ist die Schöpfung als schöpferischer Wille Gottes.
Das ist ein Schnittpunkt zwischen Gott und Schöpfung.
Die göttliche Inkarnation, die den Tod erleidet, ist ein anderer Schnittpunkt.
Wenn im Tierkreis die Waage dieselbe Bedeutung hat ‘Nie die daneben stehende Gerechtigkeit (oder die Jungfrau, Asträa), so wie auf der gegenüberliegenden Seite der Stier dieselbe Bedeutung hat wie der Widder (Osiris, Zeus-Amon, Agnus Dei), dann stellt das Herbst-Äquinoktium die Jungfrau dar, so wie das Frühlings-Äquinoktium den gekreuzigten Christus darstellt.
Die beiden Schnittpunkte zwischen Äquator und Ekliptik stellen die beiden Schnittpunkte zwischen Gott und Schöpfung dar. Cf. im Timaios. Die gesamte sich verändernde Existenz des Universums, die im Jahr eingeschlossen ist, entrollt sich zwischen diesen beiden Schnittpunkten – zwischen Wasser und Blut. (Brief des Johannes.)
Genauso muss es mit der menschlichen Seele sein. Mikrokosmos.
Thales: »Alles ist Wasser«, d. h. alles ist Gehorsam.
Die Macht Gottes selbst ist ebenfalls Gehorsam. Die Jungfrau ist Gehorsam des Geschöpfes, der gekreuzigte Christus ist Gehorsam Gottes.

Über die Hölle:
Christus hat gesagt: »Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar gemacht werden muss. «
Oder besser noch: »Es gibt nichts Verborgenes, es sei denn, damit es offenbar
gemacht wird. «
Und Paulus sagt: »Alles, was offenbar gemacht wird, wird zu Licht. «
Am Tag des Jüngsten Gerichts also, wenn die Schöpfung nackt unter dem Licht Gottes erscheint, der sie vollständig offenbar macht, ist sie vollständig Licht. Es gibt kein Böses mehr.
(Das ist auch die manichäische Vorstellung.)
Der Teufel und die Verdammten leiden während des Fortdauerns der Zeiten, aber die Ankunft der Ewigkeit beendet die Zeit.
Außerdem ist alles unergründlich und undenkbar in diesem Bereich; es ist besser, dazu überhaupt keine Meinung zu haben.
Eins jedoch scheint sicher zu sein. Nämlich dass die Reife des in das Geschöpf gelegten göttlichen Keims in der Beseitigung des Bösen und im Verschwinden des mit Gott vermischten Guten besteht.
Wie kann man es wagen zu behaupten, die glückseligen Seelen seien etwas anderes als Gott, von ihm getrennt, wo Christus uns doch den Befehl gegeben hat: »Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist«?
Aber die Theologen mussten es behaupten, denn wenn man den Leuten sagen würde, sie hätten zu wählen zwischen der Vernichtung und dem Verschwinden in Gott, würden sie den Unterschied nicht ausreichend finden, damit es sich lohnt, das Gute zu wählen.
Wenn man ihnen dagegen auf der einen Seite fortdauernd die Peitsche zeigt und auf der anderen Seite einen unerschöpflichen Vorrat an Zuckerstücken, dann bekommt man die gefügigen Kinder der Kirche.
Die Erziehungsmethoden der römischen Herren mit ihren Sklaven – Versprechen und Drohungen – auf nach dem Tod übertragen.

Man sieht das in Corneilles Pofyeucte sehr gut. »Doch im Himmel liegt die Krone schon bereit. « Ein Hund, der springt, um ein Stück Zucker zu bekommen.
»Wer ist der Sklave, dem der Herr die Führung seines Hauses übertragen hat? «
Gott hat jedem Menschen die Aufgabe anvertraut, die Geschöpfe nach dem Vorbild Gottes zu behandeln.
»Der Herr wird ihm die Führung aller seiner Güter übertragen. «
Der Lohn ist sehr wohl eine vollkommene Gleichsetzung mit Gott.
Nach Math. 12,32-33 16 scheint es offensichtlich, dass der [heilige] Augustinus Lästerung gegen den Geist begangen hat.
Es scheint, dass diese Lästerung darin besteht zu behaupten, das Böse könne reines Gutes hervorbringen, oder reines Gutes könne Böses hervorbringen.
»Haben wir nicht in deinem Namen viele ‘Wunder vollbracht? « »Weichet von mir, ihr, deren Taten unrechtmäßig sind. «
Das einzige Kriterium ist also die Gerechtigkeit. Weil Christus gerecht war~ nicht weil er Wunder vollbracht hat, muss man ihn als Gott anerkennen.
»Liebet eure Feinde« etc. hat nichts zu tun mit dem Pazifismus und dem Problem des Zieges.
»Eure Feinde« kann zwei Bedeutungen haben.
Jene, die euren Personen Böses tun und dem, was euch persönlich teuer ist.
Insoweit ich in meinem persönlichen Leben der Deutschen wegen gelitten habe, insoweit Dinge und Menschen, an denen ich persönlich hänge, von ihnen zerstört oder verletzt worden sind, habe ich eine besondere Verpflichtung, sie zu lieben.
“Eure Feinde« kann auch heißen die Feinde des Glaubens.
Der Glaube darf nur durch Unschuld und Liebe verteidigt werden. Die:Missionare dürfen weder Hilfe bekommen, noch beschützt, noch gerächt werden durch Waffen oder politische Macht.
Wenn ich bereit bin, im Falle strategischer Notwendigkeit Deutsche zu töten, dann nicht, weil ich ihretwegen gelitten habe. Nicht weil sie Gott und Christus hassen. Sondern weil sie die Feinde ·aller Nationen der Erde sind, einschließlich meiner
Heimat, und weil man sie unglücklicherweise, zu meinem großen Schmerz, zu meinem äußersten Bedauern, nicht daran hindern kann, Böses zu tun, ohne eine gewisse Anzahl von ihnen zu töten.
Die griechischen Sophismen, die beweisen, dass man nicht lernen kann, enthalten die tiefste Wahrheit.
Wir verstehen wenig und schlecht. Wir haben es nötig, von denen unterwiesen zu werden, die mehr und besser verstehen als wir.
Zum Beispiel Christus.

Aber weil wir fast nichts verstehen, verstehen wir auch sie nicht. Wie sollten wir erkennen, dass sie in der Wahrheit sind? Wie sollten wir ihnen die Menge an Aufmerksamkeit schenken, die im voraus notwendig ist, die man unbedingt zu schenken beginnen muss, ohne die sie nicht beginnen können, uns zu belehren?
Deswegen braucht man Wunder.
Deswegen knüpft eine von der Vorsehung herrührende Bestimmung; manchmal an die übernatürliche Weisheit gewisse Kräfte, die unter den Menschen selten sind, die jedoch auch bei den mittelmäßigen oder schlechten unter ihnen angetroffen werden können.
Wie zum Beispiel von körperlichen Leiden heilen, Gedanken lesen etc.
Aber von allen Wundern dieser Art ist das Schöne am-wichtigsten.
Jedesmal, wenn man über das Schöne nachdenkt, wird man von einer Mauer aufgehalten. Alles, was darüber geschrieben worden ist, ist auf erbärmliche und offensichtliche Weise ungenügend, weil dieses Studium von Gott aus begonnen werden mus.
Das Schöne besteht in einer von der Vorsehung herrührenden Bestimmung, durch welche Wahrheit und Gerechtigkeit, die noch nicht erkannt sind, schweigend nach unserer Aufmerksamkeit rufen.
Die Schönheit ist -wirklich, -wie Platon sagt, eine Inkarnation Gottes.
Die Schönheit der Welt unterscheidet sich nicht von der Wirklichkeit der Welt.
Zeus, empört wegen ihrer Verbrechen, wollte die Menschen vernichten. Prometheus hat sich für sie eingesetzt und hat ihnen, da man nicht auf ihn hörte, das Feuer gegeben. Das Feuer der göttlichen liebe, den Heiligen Geist. Von diesem Augenblick
an ist nicht einmal mehr die Rede davon, dass sie von Zeus bestraft werden sollen. Prometheus dagegen wird bestraft.
Schweigen des kleinen Mädchens bei Grimm, das die sieben Schwäne, ihre Brüder, rettet. Schweigen des Gerechten bei Jesaja: “Beschimpft, misshandelt, tat er seinen Mund nicht auf. «

Schweigen Christi.
Eine Art göttliche Übereinkunft, ein Pakt Gottes mit sich selbst, verurteilt die Wahrheit hier unten zum Schweigen. Das Schweigen des geschlagenen und verhöhnten Christus ist das doppelte Schweigen von Wahrheit und Unglück hier unten.
»Alle diese Macht und der Ruhm, der an sie gebunden ist, wurden mir überlassen«, sagt der Vater der Lüge.
Der Teufel stellt auch eine Nachahmung des Schönen her, so daß nicht einmal dieses Kriterium ohne äußerste Aufmerksamkeit erkennbar ist.
Es gibt eine Sache, die der Teufel, glaube ich, nicht machen kann.
Einem Maler ein Bild eingeben, das, wenn es in die Zelle eines zu strengster Einzelhaft verurteilten Menschen gehängt wird, diesem auch nach zwanzig Jahren noch ein Trost ist.
Die Dauer unterscheidet das Teuflische vom Göttlichen.
Das ist der Sinn des Gleichnisses über den Weizen und das Unkraut.
Kernpunkt des Christentums – (und des Platonismus) -: Nur das Denken der Vollkommenheit bringt Gutes hervor ein unvollkommenes Gutes. Wenn man sich Unvollkommenes vornimmt, macht man das Böse.
Man kann sich die Vollkommenheit nur dann wirklich vornehmen, wenn sie wirklich möglich ist; das ist also der Beweis, dass die Möglichkeit der Vollkommenheit hier unten existiert.
Die Atemlehre des Yoga – das ist vielleicht weniger eine Technik als eine Art, aus der Atmung selbst ein Sakrament zu machen?
Die Probleme des Ursprungs (Ursprung der Sprache, der Werkzeuge etc.) haben überhaupt keine andere mögliche Lösung als die des Gott-Lehrers. Das ist offenkundig. Die Sprache kommt nicht aus der Nicht-Sprache. Ein Kind lernt zu
sprechen; aber weil man es ihm beibringt. Man bringt ihm bei zu arbeiten etc.
Setzt die göttliche Unterweisung eine ursprüngliche Inkarnation voraus?
Das scheint wahrscheinlich zu sein. Das entspricht den Überlieferungen.
Die Überlieferung, die Osiris betrifft, ist die einer belehrenden und zugleich erlösenden Inkarnation.
War auch das Zweite Kriterium eine historische Erinnerung an die Vergangenheit, oder vielmehr eine Vorahnung der Zukunft? Vielleicht haben wir die gegebenen Größen nicht, die notwendig wären, um diesbezüglich auch nur eine Vermutung anzustellen.
Die Jungfrau ist so etwas wie eine Verdoppelung der Kindheit Christi; die reine Unschuld.

Christus war von Kindheit an vollkommen gehorsam; und dennoch, am Kreuz: »Was er litt, hat ihn Gehorsam gelehrt. «

Die Wahrheit, die zu Leben wird; das .ist das Zeugnis des Geistes. Die in Leben verwandelte Wahrheit.

Um den symbolischen Wert, in den Augen des Johannes, des aus dem Körper Christi fließenden Wassers und Blutes zu kennen, müsste man den Sinn der tibetanischen Glaubenslehren über die Auswirkungen der vollkommenen Jungfräulichkeit besser kennen, die in den Adern eine farblose Flüssigkeit (das
göttliche »ichor«?) strömen lässt. Ist von dieser Glaubenslehre aus das Vorhandensein von normalem Blut bei einem vollkommen jungfräulichen Menschen
das Zeichen der liebesvereinigung mit Gott? Und bleibt das Wasser neben dem Blut als ein Zeugnis vollkommener Jungfräulichkeit?
Bestimmt ist es nicht ohne Grund, dass der biographische Teil des Johannes -Evangeliums mit dem in Wein verwandelten Wasser beginnt und mit diesem Fließen von Wasser und Blut endet.
Man muß wieder zu Wasser werden, damit anschließend der Geist aus diesem Wasser Blut macht.
Zu vollständiger Passivität, Bewegungslosigkeit eines Leichnams werden, damit der Geist Gottes aus dieser Energie Leben macht.

Welchen Anteil hatte in der verwendeten Sprache die einfache Bilderwelt, und welchen Anteil hatten die mystisch-biologischen Theorien? Das ist heutzutage schwer zu erraten.
Was bei Dickens am falschesten klingt, ist das, worin er das kleine englische Volk, so -wie es ist, am getreu liebsten nachgebildet hat. Warum klingt die Wirklichkeit, wenn sie ohne Transponierung .in die Bücher übertragen wird, falsch?
In der Natur gibt es die Wärmeenergie, die mechanische Energie, die Lebensenergie, die im Keim enthaltene lebenspendende Energie, die im Licht enthaltene Strahlungsenergie.
Unsere Wissenschaft kennt nur die ersten beiden. Sind die letzten beiden miteinander identisch? Die Antike scheint sie gleichgesetzt zu haben.
Der Geist – oder feuriger Hauch, Pneuma schafft Leben.
Die Alten (Pythagoreer, Stoiker) beschrieben den männlichen Samen in der Zeugung als ein Pneuma.
Die am Anfang der Genesis festgelegte Teilung ist, indem sie Gras, Stengeln, Blätter den Tieren und Körner und Früchte – das heißt, die Keime, die Samen-den Menschen vorbehält, das Bild für den Gegensatz zwischen den beiden Schicksalen, dem der Tiere, das fleischlich ist, dem der Menschen, das geistig ist.
Diese Symbolik ist vielleicht der Ursprung des Ackerbaus und vor allem der Erschaffung von Getreide und Weinstock durch Auslese.
Es muss etwas Derartiges gegeben haben, wenn man an die Ähre von Eleusis denkt, an die von Asträa, die Jungfrau, im Himmel, an Dionysos, an das Brot und den Wein von Melchisedek.
Das Brot ist ganz und gar mit Samen gemacht. Nicht mit Leben, sondern mit lebenspendendem Prinzip. Dasselbe gilt für den Wein und die Trauben. (Es gibt tatsächlich eine chemische Ähnlichkeit zwischen dem Alkohol und den Geschlechtshormonen.)
Das Fleisch Christi und sein Blut waren nicht aus lebendiger, sondern aus lebenspendender Substanz.
»Das Pneuma ist das, was lebendig macht, das Fleisch ist zu nichts nütze. «
»Die Worte, die ich euch soeben gesagt habe, sind Geist und Leben. «
»Ich bin das lebendige Brot, jenes, das vom Himmel herabgestiegen ist; wer von diesem Brot isst, der wird immer leben; und das Brot, das ich geben werde, das ist mein Fleisch für das Leben der Welt. “

Das Fleisch wird zu Brot durch das Opfer.
Die Frauen der australischen Volksstämme sammeln die Samenkörner der Samengräser. Ausgehend davon kann man sich die langsam voranschreitende Erschaffung des Getreides vorstellen, die, wenn das Sammeln der Körner ein Ritus und ein Sakrament ist, eine Zusammenarbeit zwischen Gott und Mensch darstellt. Dann versteht man auch, dass sich ringsherum eine Religion gebildet hat.

Aischylos sagt, wobei er natürlich ein heiliges Wort der Mysterien zitiert, „tooi pathei matos” Durch das Leiden die Lehre (von Gott dem Menschen gewährt). Er sagt jedoch nicht, worin die Weisheit, die gelehrt wird, besteht. Man sieht es, wenn man bei Paulus dieselbe ergänzte Formel liest -in der man dasselbe Wortspiel zwischen pathos und mathos findet, bezeichnend für eine heilige Formel „emathen af epathen tyn Hupoxony” das, was er gelitten hat, hat ihn Gehorsam gelehrt.

Diese Weisheit ist der Gehorsam.
Aber war er also ungehorsam gewesen?
Sollte es eine geheime Fassung geben, in der dem menschlichen Ungehorsam aus Mangel an Liebe ein göttlicher Ungehorsam aus Überfluss an Liebe entspräche, Gott, der sich selbst ungehorsam wäre aus Mitgefühl für die Menschen? Das wäre genau der Mythos des Prometheus.
Nun scheinen aber die Geschichte und der Name des Prometheus eine Veranschaulichung der Worte „tooi patheu matos”: zu sein.

Gott, der Gott gegenüber ungehorsam ist und durch die Sühne zum Gehorsam zurückgeführt wird.
Die Strafe des Menschen in der Genesis besteht, neben dem Tod, ausschließlich in der aufgezwungenen Unterwerfung.
Arbeit und Tod; Passivität der Frau in der Liebe und im Gebären.
Die Arbeit ist etwas, was dem Tod ähnlich ist. Sie ist eine Unterwerfung unter die Materie.
Die Schönheit jedoch ist eine Falle Gottes, damit wir in den Gehorsam einwilligen, zu dem er uns durch Zwang zurückführt.
Die Strafe muss eine Nachahmung Gottes sein.
Den Verbrecher durch Zwang zum Gehorsam zurückführen, mit Auferlegung von Schmerz, indem man ihm Fallen stellt mit dem Ziel, eines Tages die Einwilligung herbeizuführen.
Ein Misserfolg liegt jedesmal dann vor, wenn der Schuldige stirbt, ohne in irgendeinem Augenblick gefühlt zu haben, dass das glücklichste Ereignis für ihn darin besteht, verurteilt worden zu sein.
Der körperliche und der moralische Schmerz sind etwas so Erschütterndes für die Seele; und wir sollten uns ihren Gebrauch untersagen? Warum so wertvolle Gaben Gottes verlorengehen lassen? Aber ihren Gebrauch zu pervertieren ist abscheulich.
Wenn man glaubt, dass ein Verbrecher unheilbar ist, hat man nicht das Recht, ihn zu bestrafen; man darf ihn nur daran hindern, Schaden zu verursachen. Das Auferlegen der Strafe ist eine Erklärung des Glaubens, dass es im Innersten des schuldigen Menschen ein Körnchen reines Gutes gibt.
Ohne diesen Glauben zu strafen bedeutet, Böses um des Bösen Willen zu tun.
Indirekter Mechanismus eines Verbrechens: Mein verbrecherischer Irrtum vor 1939 über die pazifistischen Weise und ihr Handeln kam aus jener Unfähigkeit, die seit so vielen Jahren von der Zermalmung durch körperlichen Schmerz verursacht wurde. Da ich nicht imstande war, ihr Handeln aus der Nähe zu verfolgen, mit ihnen Umgang zu haben, mit ihnen zu sprechen, habe ich ihren Hang zum Verrat nicht erkannt. Doch ich konnte leicht feststellen, dass der Zustand, in dem ich mich befand, mir wichtige Verantwortlichkelten untersagte und mir gebot, mich zu enthalten. Was einen Schirm zwischen dieser offenkundigen Tatsache und mir bildete, das war die Sünde der Faulheit, die Versuchung der Trägheit.
Ich wünschte mir eine solche Enthaltung so stark, dass ich mir einen unparteiischen Blick auf die rechtmäßigen Gründe, die mir dazu rieten, nicht erlauben konnte; wie ein Seminarist, der den heftigsten Versuchungen des Fleisches ausgeliefert ist und es nicht wagt, eine Frau anzuschauen.
Weil Faulheit und Trägheit mich in den kleinen Dingen oft bezwungen hatten, habe ich bei einer großen Sache geglaubt, mich blindlings gegen die Versuchung der Trägheit wehren zu müssen, anstatt die möglichen Vorteile und Nachteile des Handelns oder der Enthaltung kaltblütig zu untersuchen.
An einem Tag der Müdigkeit also nicht den Mut gehabt zu haben, einen Brief zu schreiben, mein Bett zu machen – das, Tag für Tag angehäuft, hat mich schließlich in den Fehler der verbrecherischen Nachlässigkeit dem Vaterland gegenüber gestürzt.
Das ist ein Beispiel für eine Verbindung, die universell ist. Wenn man verstanden hat, wie durch diesen Mechanismus winzige private Fehler öffentliche Verbrechen werden, dann gibt es keine ‘Winzigen privaten Fehler mehr. Man kann nur noch Verbrechen begehen.
Das ist entsetzlich, denn man begeht sie.

Man muss sich unaufhörlich als Verbrecher fühlen, solange man die Vollkommenheit nicht besitzt, und aus ganzer Seele immerzu in der Stille schreien, um sie zu erlangen, bis der Tod dieser Qual ein Ende bereitet oder Gott, überdrüssig, die Vollkommenheit schickt.
Wenn man diese Stufe des Verstehens erreicht hat, ist man wirklich – mit Ausnahme jener, die sich in der gleichen Verfassung befinden – der verbrecherischste aller Menschen.
Denn alle kleinen Schwächen sind wirklich Verbrechen, sobald man vom Verstand klar gezwungen worden ist, sie als solche zu betrachten. Die großen Verbrecher begehen wenig Verbrechen.
Man begeht viele kleine Schwächen. Das heißt, wenn man sie einmal als das, was sie sind, erkennen konnte, dann begeht man jeden Tag viele Verbrechen.
Die einzige Abhilfe ist, so lange unglücklich darüber zu sein, bis Gott von Mitleid erfasst wird. Denn der menschliche Wille, so angespannt er auch sein mag, kommt der Vollkommenheit nicht nahe.

Würde sich ein Mensch heutzutage als Sklave an einen anderen verkaufen, dann wäre die Vereinbarung juristisch gesehen ungültig, weil die Freiheit, da sie heilig ist, unveräußerlich ist.
Indem sie den Besitz zusammen mit der Freiheit zu den heiligen Dingen legten, haben die Leute von 1789, wenn die Worte einen Sinn haben, sie als unveräußerlich erklärt und dem Handel entzogen.
Aber die Tatsachen haben gezeigt, dass die Worte keinen Sinn haben.
Welche Beweggründe kann es, bei der heutigen Auffassung von der Wissenschaft, für sie geben? Stellt sie folglich etwas Gutes oder etwas Böses dar, oder eine Mischung, und in welcher Dosierung?
Analyse des Guten und des Bösen mittels der Beweggründe.
·
Diese Methode auf alles anwenden.
Universelle Methode der Unterscheidung für die Erziehung von sich selbst, einem anderen, einem Volk.
Nicht versuchen, die Beweggründe de facto durch Introspektion oder Beobachtung zu erkennen- dabei schleicht sich immer mehr oder weniger die Lüge ein -, sondern zunächst theoretisch die Liste der möglichen Beweggründe für eine Handlung erstellen, sobald die Vorstellung gegeben ist, von der sie ausgeht.
Christus hat die Tugend des Gehorsams genau beschrieben: »Ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.”
Die Schwierigkeit hinsichtlich der Wissenschaft ( cf. Manuskript”) kann nur durch den Begriff des unpersönlichen Gottes gelöst werden.

Der Gegenstand, dessen Studium die Wissenschaft ist, ist die unpersönliche Vorsehung Gottes.

Gleichnis vom Sämann (Lukas 8,5). Die erste Kategorie, das sind jene, die ihre Einwilligung versagen. Die vierte, das sind die Erwählten.

In der Muttererde gibt es eine gewisse Menge von Nahrung für die Pflanzen. Wenn ein Großteil den Dornen zugute kommt, kann der Weizen aus Mangel an Nahrung nicht wachsen.
Genauso kann in den Seelen, deren Energie zum Großteil den irdischen Dingen gegeben wird, der ewige Teil die für sein Wachstum unerlässliche Energie nicht bekommen.
Doch es taucht sogleich ein Verfahren für den Übergang von der dritten in die vierte Kategorie auf. Es ist das Roden, das Ausreißen der Domen. Anders ausgedrückt, der Vorgang der Loslösung, deren Methode von den Mystikern ausgiebig studiert worden ist. Das alles ist klar und bekannt.
Aber die zweite Kategorie?

Stein. Darauf wachsen keine Dornen. Seelen, die sich nicht für die Dinge dieser Welt interessieren, aber auch keine Energie besitzen, die sie in den Dienst Gottes stellen könnten, und demzufolge steril bleiben.
Das ist genau mein Fall.
Man könnte glauben, dass es Seelen gibt, die die Unzulänglichkeit der Natur unwiderruflich vom Dienst Gottes ausschließt.
Ich unter ihnen. Ist es unwiderruflich?
Gibt es ein Verfahren, um Weizen auf Stein wachsen zu lassen?
Das einzige ist, wenn ein Korn auf eine Stelle des Steins gefallen ist, die eine Mulde bildet, Wasser bei einzugießen und dieses unaufhörlich in dem Maße, -wie es verdunstet, zu erneuern. Man muss sich also, im ganzen Maße, in dem dies möglich ist, ohne Verpflichtungen zu verletzen, unter den Einfluss irdischer Antriebe stellen, in der Absicht, die Energie, die man daraus erhält, dem göttlichen Samenkorn, das im Verborgenen des Herzens wohnt, zu essen zu geben.
Das ist mehr oder weniger das, was ich bisher instinktiv getan habe.
Wenn die Antriebe Menschen sind, bedeutet dies eine ungeheure Verpflichtung zur Dankbarkeit.
Vielleicht wäre das eine Methode, die man an die Unglücklichen derselben Gattung weitergeben sollte?
Zum Glück gibt es andere Seelen, die wie die gute Erde sind.
Mehr, das muss man hoffen. Denn es ist schmerzhaft, dem Korn, Stunde für Stunde, einen ungewissen Fortgang des Wachstums zu sichern, immer bedroht, immer beinahe unmöglich, in einer Angst, die bis zum Ende dauert. Bis zum Ende, wenn für ein paar Stunden das Wasser fehlt, trocknet der Halm aus.
Die Verpflichtung zur Loslösung ist noch strenger als für die Seelen, bei denen es Erde gibt. Denn wenn aus diesem bisschen Feuchtigkeit, die unaufhörlich erneuert werden muss, ein paar Tröpfel in Unkraut übergehen, dann ist das Austrocknen des Weizens unvermeidlich.

Man muss die Energie aus den irdischen Dingen nehmen, darf aber keinem Atom davon erlauben, für irdische Dinge zu dienen.
Buchstäblich, völlige Reinheit oder Tod.
Der Zustand der Vollkommenheit ist, -wie es scheint, einer Seele dieser Art verboten, außer genau im Augenblick des Todes.
Welche Freude, zu wissen, dass dies nicht die universellen Bedingungen des geistigen Guten für alle Menschen sind!
Denn wenn es immer auf so schmerzhafte Weise erkauft werden müsste, müsste man sich Gewalt antun, um es denen, die man liebt, zu wünschen.
Man darf nicht vergessen, dass eine Pflanze von Licht und Wasser lebt, nicht von Licht allein. Es wäre also ein Irrtum, allein auf die Gnade zu zählen. Man braucht auch irdische Energie.
Doch wenn man der irdischen Energie vollständig beraubt ist, stirbt man. Solange mein Herz, meine Lunge, meine Gliedmaßen nicht gänzlich gelähmt sind, ist das der Erfahrungsbeweis dafür, dass auf dem Stein ein Tropfen Wasser für den himmlischen Weizen ist.
Dahin gelangen, ihm zu trinken zu geben, selbst wenn dies das Fleisch vor Erschöpfung sterben lässt.
Mögen nur dieses Fleisch und dieses Blut eher als der göttliche Halm ausgetrocknet sein, nichts anderes ist von Bedeutung.
Keine Frucht getragen zu haben, kein Recht auf irgendeinen Lohn zu haben hat keinerlei Bedeutung. Es gibt wunderbare Früchte, wunderbare Belohnungen für die anderen.
Aber wo den Mut finden, um das Fleisch und das Blut des letzten Tropfen Wassers zu berauben, um ihn dem göttlichen Halm zu geben? Nur durch Zwang ist es möglich, so zu handeln.
Es sind die durch Peitschenhiebe dressierten Sklaven, die derartige Dinge tun können.
Keine andere Hoffnung als in die göttliche Barmherzigkeit, um einen in die Sklaverei zu stürzen und die Dressur der Peitsche erleiden zu lassen.
Ich hatte ein wenig Dressur, aber nicht ausreichend. Ich werde mehr davon bekommen, wenn ich es wünsche. Die Schwierigkeit besteht darin, dass der Wunsch wirklich sein muss.

Heraklit: „Alle Dinge sind austauschbar gegen das Feuer, und das Feuer gegen alle Dinge, wie die Waren gegen das Gold und das Gold gegen die Waren.”

Gott ist das einzige Gut. Alle in den Dingen eingeschlossenen Güter haben ihre Entsprechung in Gott. Gott ist das einzige Wertmaß.

Dieses Universum ist eine Falle, um die Seelen einzufangen und sie mit ihrer Einwilligung Gott auszuliefern.
Das ist das ewige Vorbild für die Strafe.
Die wirkliche Liebe will einen wirklichen Gegenstand haben, und seine Wahrheit kennen, und ihn in seiner Wahrheit lieben, so wie er ist.
Man soll nicht von der Liebe zur Wahrheit reden, sondern von einem Geist der Wahrheit in der Liebe. Er ist immer gegenwärtig in der wirklichen und reinen Liebe.
Der Geist der Wahrheit – der feurige Hauch der Wahrheit, die Energie der Wahrheit – ist zugleich die Liebe.
Es gibt eine andere, lügnerische Liebe.
Man kann hier unten nur die Menschen und das Universum lieben, das heißt, die Gerechtigkeit und die Schönheit. Folglich ist Wahrheit eine Bezeichnung für das Gerechte und das Schöne.
Pneuma der feurige Hauch. Das ist die durch die Liebe hervorgerufene Energie. Auf welch wunderbare Weise also wird dieses Wort zugleich auf den Geschlechtssamen in der fleischlichen Liebe und auf das Hervorbringen des Guten durch die Liebe zwischen Gott und einer menschlichen Seele angewandt!

Die wahrhaftige Atemlehre des Yoga beruht sicherlich auf der Vorstellung des Pneumas. Ihm gibt man den Namen Lebenshauch.
Aber worin genau besteht die Verbindung zwischen dieser Vorstellung und der Atmung? Pneuma weist ebenfalls auf einen Zusammenhang mit der Atmung hin. Die Atmung ist eine Verbrennung. Eine Kerze ist das Bild eines menschlichen Lebens. Das ist immer bekannt gewesen.
Heraklit sprach nur vom Feuer. Pneuma taucht erst mit den Stoikern auf. Vielleicht war das Yoga nach Alexander aus Indien kommend in Griechenland eingedrungen? Aber dachten die Pythagoreer, nach Diogenes Laertius, nicht, dass der Geschlechtssamen ein Pneuma ist?
Eine Kerze ist das Bild eines Menschen, der in jedem Augenblick Gott die innere Verbrennung darbietet, die innere Abnutzung aller Augenblicke, die das vegetative Leben bilden.
Das bedeutet, Gott die Zeit darzubieten.
Dies ist das Heil selbst.
Die Atemübungen des wahrhaftigen Yoga stellen wahrscheinlich nur pädagogische, mnemotechnische Verfahren dar, um den Wunsch zu dieser Opfergabe in die Seele einzupflanzen. Wie die Übung vom »Rezitieren des Namens des Herrn« und so viele andere.

Ein unwürdig entgegengenommenes Sakrament tut der Seele und dem Körper Böses.
Die fleischliche Gegenwart Christi auf Erden ist wie eine von der Menschheit selbst empfangene Kommunion.
Das war ein unwürdiges Sakrament, denn Christus wurde ermordet.
Das Menschengeschlecht ist in den Zustand gefallen, in den ein Christ nach einer frevelhaften Kommunion fällt.
Das Kriterium für die Dinge, die von Gott kommen, ist, dass sie alle Merkmale des Wahnsinns aufweisen, außer dem Verlust der Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen und die Gerechtigkeit zu lieben.
Die Demut ist vor allem eine Form der Aufmerksamkeit.

Das wichtigste politische Problem ist die Art, wie die mit Macht ausgestatteten Menschen ihre Tage verbringen. Wenn sie sie unter Bedingungen verbringen, die eine auf hoher Stufe lange durchgehaltene Anspannung der Aufmerksamkeit faktisch unmöglich machen, dann kann es keine Gerechtigkeit geben.
Man hat versucht, die Gerechtigkeit Mechanismen anzuvertrauen, um ohne die menschliche Aufmerksamkeit auszukommen. Es geht nicht. Die Vorsehung Gottes stellt sich dem entgegen.
Allein die menschliche Aufmerksamkeit übt rechtmäßig das Richteramt aus.
Das Verbrechen Niobes ist es, ihre Kinder gezählt zu haben.
In der buddhistischen Geschichte vom Rezitieren des Namens des Herrn wird der Alte in dem Augenblick gerettet, in dem er aufhört, seine Rezitationen zu zählen.
Der heilige Johannes vom Kreuz drückt dieselbe Verwandlung aus, wenn er sagt: “Ich habe nichts mehr gewusst … Ich habe meine Herde verloren … «
Daraus muß man eine Vorstellung von der Rolle des Geldes in einer vollkommenen Gesellschaft ableiten.
Schwachköpfe sprechen in Bezug auf Platon von Synkretismus.
Man braucht keinen Synkretismus für das, was eins ist.

Thales, Anaximander, Heraklit, Sokrates, Pythagoras, das war dieselbe Lehre, die einzige griechische Lehre, durch unterschiedliche Temperamente vermittelt.
Ein vollkommenes Bild der verschiedenen Mächte der Seele in Markus 13,34:
»So wie ein Mensch auf Reisen, der sein Haus verlassen hat, seinen Sklaven Macht über es gegeben hat, jedem sein eigenes Werk; und den Türhüter wies er an zu wachen. «

Die Seele ist dieses Haus, die Fähigkeiten sind die Sklaven, der Herr des Hauses ist Gott, und der Türhüter ist die Liebe. :Math. 11,27: »Niemand kennt den Sohn, außer dem Vater; und niemand kennt den Vater, außer dem Sohn und demjenigen, dem der Sohn es offenbaren will. «
Also kennen die Menschen durch Christus Gott, aber sie kennen Christus nicht.

Es besteht ein großer Unterschied zwischen einer Wahrheit, die als solche erkannt und in dieser Eigenschaft in einen Geist Einlass gefunden hat, in ihn aufgenommen ist, und einer Wahrheit, die sich in der Seele im wirkenden Zustand befindet und die Kraft besitzt, in ihr die Irrtümer zu zerstören, die offenkundig unvereinbar mit ihr sind.
Man könnte meinen, es sei dasselbe. Aber in Wirklichkeit ist dem keineswegs so. Die Beobachtung der Menschen zeigt das jeden Tag.

Die wirkende Kraft der Wahrheit ist der Pneuma agion, die göttliche Energie.
Im Geist eine sehr große Menge bewegungsloser Wahrheit zu haben ist von schwachem Nutzen.
Aber ein unendlich kleines Korn -wirkender Wahrheit zerstört nach und nach jeden Irrtum.
»Das Senfkorn ist das kleinste unter den Samenkörnern… «

Dieselbe Unterscheidung gibt es für die Lüge. Es gibt den bewegungslosen Irrtum und den wirkenden Irrtum, der die Wahrheit zerstört. Das ist der Teufel.
In einer Seele kann es nicht wirkende Wahrheit und wirkende Lüge zugleich geben. Aber das Wirken der Wahrheit weckt die Lüge aus ihrer Bewegungslosigkeit und bewirkt Abwehrreaktionen; das sind die Versuchungen der Heiligen.

Es gibt Seelen, die nur bewegungslose Wahrheit und bewegungslose Lüge enthalten. Das ist die Mehrzahl.
Andere enthalten dazu noch entweder Lüge oder Wahrheit im wirkenden Zustand. Die letzteren sind auf geradem Weg zur Heiligkeit.
Der Austausch von Liebe zwischen Gott und dem Geschöpf ist ein senkrechter Feuerstrich wie der Blitz. Es ist ein Austausch zwischen dem höchsten Punkt des Himmels und dem niedrigsten des Abgrunds, in gerader Linie durch den Blitz lenkst du geradlinig die allumfassende Vermittlung … «).
»Begreifen, was die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe sind. «
Die vollständige Demut, das ist die Einwilligung in den Tod, die aus uns bewegungsloses Nichts macht.
Die Heiligen sind diejenigen, die noch als Lebende wirklich in den Tod eingewilligt haben.
“Touto dos emoi, Curie”: Gib mir dies, Herr

Im Johannes-Evangelium gibt es den Hinweis auf eine andere Theorie des Bösen als die von Sünde und Sühne. Folglich entspricht ihr eine andere Theorie von Passion und Erlösung; auf diese andere Theorie findet man einen Hinweis bei Paulus damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern«).
Johannes 9: “Rabbi, wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde? « Jesus antwortete: “Weder er hat gesündigt noch seine Eltern, sondern dass an ihm offenbar werden die Werke Gottes. «
Vergleichen mit: “Was er gelitten hat, hat ihn Gehorsam gelehrt.

Man kann den Mechanismus des Königtums in der Geschichte von dem Mann sehen, der zu Christus kam, um ihn zu bitten, das Erbe zwischen ihm und seinem Bruder zu teilen.
Indem er sich weigerte, hat er sich geweigert, König der Juden zu sein, was die Pharisäer zwang, sich zu weigern, ihn als Messias anzuerkennen; und da er einflussreich genug war, um den Hass der Römer auf Judäa zu lenken, und sich dem Amt verweigerte, welches ihm erlaubt hätte, es zu beschützen, hielten sie es für ihre Pflicht, ihn umzubringen. Wenn man sich in das Innere des hebräischen Patriotismus stellt, war es völlig rechtmäßig.

Jedesmal, wenn in einer nicht organisierten Gesellschaft ein Mensch Zeichen der Eingebung erkennen ließ, machte man ihn zu einem Schiedsrichter, und allmählich wurde er König.
»Vater, gib mir mein Teil« (Gleichnis vom verlorenen Sohn). Mein Teil, das ist die Eigenständigkeit. Ich verprasse sie mit den Prostituierten.
»Die Sklaven im Haus meines Vaters haben Brot. « Das Brot ist das Gute. Die Sklaven sind die bewegungslose Materie.
Man wünscht sich, wie bewegungslose Materie zu werden, um endlich aufzuhören, ungehorsam zu sein.
Dahin gelangt man erst nach einem Prozess der Erschöpfung, der viel Zeit braucht. Der Bursche hat zuerst sein ganzes Geld verprasst. Als er alles verprasst hat und hungrig ist, wünscht er sich, einer der Sklaven seines Vaters zu sein.
Wenn man die Möglichkeiten der natürlichen Fähigkeiten, die man in sich trägt (Wille, Verstand, natürliche Veranlagung zu lieben), für das Hervorbringen des Guten erschöpft hat, wenn man erkannt hat, dass man unfähig ist für jedes Gute, dann wirft man sich Gott zu Füßen.
»Wir sind Sklaven ohne Wert. « Für ein menschliches Geschöpf gibt es nichts, was darüber steht. Für Glas gibt es nicht mehr, als völlig durchsichtig zu sein. Es gibt nicht mehr für einen Menschen, als Nichts zu sein. Jeder Wert in einem Menschen ist in Wirklichkeit ein negativer Wert. Es ist wie ein Fleck im Glas. Das Glas, das voller Flecken ist, kann sehr wohl glauben, dass es etwas ist und dass es dem vollkommen durchsichtigen Glas weit überlegen ist, durch welches das Licht hindurch scheint, als wäre da nichts. Deshalb: »Wer sich erhöht, der wird erniedrigt werden, wer sich erniedrigt, der wird erhöht werden. « Dafür ist kein Vorgang des Ausgleichs notwendig.
Wir sind ganz einfach mit einer angeborenen .Missbildung des Richtungssinns zur Welt gekommen, die bewirkt, dass wir beim Aufsteigen das Gefühl haben abzusteigen und beim Absteigen das Gefühl aufzusteigen.
Wenn man negative Zahlen betrachtet, wenn man von – 20 auf – 10 übergeht, so liegt vom Standpunkt der absoluten Menge gesehen eine Verminderung vor, und wer nur für Veränderungen dieser Menge empfänglich ist, glaubt, dass eine Verminderung vorliegt. Aber in der vollständigen Abfolge der Zahlen ist dieser Übergang eine Vermehrung.
Wir werden weit unter Null geboren. Null ist unser Höchstwert, die Grenze, die erst erreichbar ist, nachdem wir eine Reihe überwunden haben, die eine unbegrenzte Zahl von Gliedern besitzt (zum Beispiel -I/ 2”). Null ist der Zustand des
Sklaven ohne Wert.
“Curie, Touto dos emoi, Curie”: Herr, Gib mir dies.

Der heilige Thomas von Aquin, Kommentare zur Ethik des Aristoteles, VIII, 7, zitiert von Maritain: »Freundschaft … kann es nicht geben zwischen Menschen, die zu weit voneinander entfernt sind. Freundschaft setzt voraus, dass die Menschen einander nahe sind und untereinander zu Gleichheit gelangt sind. Es ist Sache der Freundschaft, auf gleiche Weise von der Gleichheit Gebrauch zu machen, die es zwischen den Menschen bereits gibt. Und es ist Sache der Gerechtigkeit, diejenigen zur Gleichheit zu führen, die ungleich sind: Wenn diese Gleichheit erreicht ist, dann ist das Werk der Gerechtigkeit vollbracht. Und so steht die Gleichheit am Ende der Gerechtigkeit, und sie steht am Anfang und am Ursprung der Freundschaft. «

Das ist das völlige Gegenteil des Christentums. Wie können diese Leute glauben, dass sie Christen sind? Man könnte sie fragen, ob die Gerechtigkeit den Menschen und Gott zur Gleichheit geführt hat, bevor es zum Bund der Liebe kommen konnte. Ob der Samariter nicht eine Regung der Freundschaft gegenüber dem Menschen verspürte, der den Räubern in die Hände gefallen war.
Aristoteles ist der schlechte Baum, der nur faulige Früchte trägt. Warum sieht man das nicht?
Die Pythagoreer sagten: »Die Freundschaft ist eine aus Harmonie bestehende Gleichheit«, und: »es besteht Harmonie zwischen den Dingen, die nicht ähnlich sind, noch von derselben Beschaffenheit, noch vom selben Rang … «. Die Freundschaft ist Gleichheit, die aus der Vermittlung hervorgeht.
»Die Liebe … schafft die Gleichheiten und sucht sie nicht« (Rotrou).

Wenn Maritain, der heilige Thomas und Aristoteles recht hätten, wie hätte Christus die Jünger dann jemals seine Freunde nennen können?
»Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er ihr seinen einzigen Sohn gegeben hat. «
Das ganze Christentum steht in völligem Widerspruch zu diesem Gedanken.

Etwas Geheimnisvolles in diesem Universum ist im Einverständnis mit jenen, die nur das Gute lieben.

Der ältere Sohn aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn – wenn er die Materie wäre, die nie ungehorsam war? Aber gibt es schließlich im Neuen Testament nicht Stellen, die darauf hinzuweisen scheinen, dass die Engel – die Mächte, die Gewalten -Materie sind; die physischen Kräfte, die in der Welt am Werk sind? Was ihre Ähnlichkeit mit den Göttern der griechischen Mythologie bestätigen würde. Genauso die indischen Götter.

Wenn man in der Messe niederkniet, um »Sanctus, Sanctus, Sanctus … «zu sagen, nimmt man teil am Chor der Stimmen des gesamten Universums.
(Auch im Alten Testament [Psalmen] gibt es Stellen, in Denen die Boten Gottes als Naturkräfte auftauchen.)

Tierkreis:
Steinbock, Füllhorn. Fülle Gottes. Wassermann, Schöpfung in ihrer Reinheit. Fisch, Inkarnation. Widder, Passion. Stier, dasselbe.
Zwillinge; Teilung?
Krebs, Maßlosigkeit, Auflehnung der Schöpfung, Böses.
Löwe, rohe Kraft. Jungfrau, Gerechtigkeit. (Das ist gewiss, Asträa, Dike.) Waage, rohe Kraft, der Gerechtigkeit unterworfen.
Skorpion, auf Gott gerichtete Liebe. Schütze, göttliches Licht. Steinbock, Fülle Gottes. Und noch einmal …
Man müsste wissen, wie Weihnachten in Ägypten ist. Und in welcher Jahreszeit der Nil Hochwasser führte.
Das alles ist klar, außer der Beziehung zwischen Widder und Stier.
Zwillinge, Teilung Gottes, Dreifaltigkeit? Der Teufel erscheint zur selben Zeit (cf. den Anfang der Genesis und der Apokalypse), deshalb der Krebs unmittelbar danach. Sehr oft erscheint die Dreifaltigkeit als eine Dualität, der Geist wird stillschweigend mit einbezogen (Apokalypse, Gloria). Jedenfalls sehe ich zwei recht klare Reihenfolgen, vom Steinbock zum Widder, vom Krebs zur Waage.
Fülle Gottes, Schöpfung, Inkarnation, Passion.
Böses (Maßlosigkeit der Schöpfung), rohe Kraft, Gerechtigkeit, Gleichgewicht.
Skorpion: das Geschöpf, das sich in Gott verbrennt.
Schütze (Liebe-Bogenschütze), Gott, der mit einem Pfeil seinem Geschöpf ins Herz bohrt.
Dann Fülle Gottes.
Zwillinge -könnte es die Sünde sein, die das menschliche Geschöpf in zwei Teile geschnitten hat? (Mythos von Aristophanes im Symposion.)
Die Geschichte muss beim Stier beginnen. Opfer Gottes.
Sünde und Fall des Geschöpfs. Böses. Rohe Kraft. Gerechtigkeit.
Gleichgewicht. Gang des Geschöpfs, um sich in Gott zu verbrennen. Gott, der sein Geschöpf mit Liebe verwundet durch einen Pfeil ins Herz. Fülle Gottes. Schöpfung (neue?).
Inkarnation. Opfer Gottes. Und es beginnt von neuem. Das Opfer Gottes ist der Anfang und das Ende der Geschichte.

April: Kreuz Christi (in der Ewigkeit). Mai: Sünde. Juni: Böses. Juli: Rohe Kraft. August: Gerechtigkeit. September: Gleichgewicht. Oktober: Trachten nach Gott. November: Von Gott geschickte Wunde der Liebe. Dezember: Fülle Gottes.
Januar: Neue Schöpfung. Februar: Erscheinung Christi in der Seele des Heiligen. März: Neue Kreuzigung Christi in der Person des Heiligen.
Auf jeden Fall war der Tierkreis bestimmt der symbolische Ausdruck einer Liturgie der Jahreszeiten, oder sogar mehrerer Liturgien zugleich (mehreren Initiationsstufen entsprechend).
Er bezog sich auf die Jahreszeiten und stand in keinem Zusammenhang mit den Sternbildern.

Wenn Gott uns irgendeine besondere Sache geben will, befiehlt er uns, sie von ihm zu verlangen, und sogar aufdringlich.
Wenn wir einwilligen, das zu tun, gewährt er sie uns. Wir zwingen ihn durch unser Flehen, von uns seinem Willen entsprechend Gebrauch zu machen. Er macht nur dann mit uns, was er will, wenn wir ihn darum anflehen.

Der Rosenkranz, Verfahren, um die Seele von der Zahl zu erlösen. Das Geld müsste diese Rolle spielen.
Evangelium, die bösen Geister, die in die Herde Säue gefahren sind, die dann ertrinkt. Bewahrung der Materie in der geistigen Ordnung, in der Ordnung von gut und böse. Um das Böse zu beseitigen, muss man es verlagern. Gott allein hat die Macht, es wirklich zu zerstören. Um Böses zu zerstören, müssen wir es auf Gott verlagern. Das nun wir, zum Beispiel, wenn wir das Allerheiligste betrachten.
Beachten, dass in Ägypten das Schwein dem Erlöser, Osiris, geweiht war. Nach der Geschichte von Meleagros gibt es eine Verwandtschaft zwischen dem Wildschwein und Artemis.

Gesellschaft, deren beide Pole der Gehorsam und die Aufmerksamkeit sein sollen – die Arbeit und das Studium.
Das Feuer in der Höhle Platons, das ist die physische Kraft, die Energie in dem Sinne, wie die moderne Physik dieses Wort gebraucht.
Christus am Kreuz hat mit Mitleid das Leiden der ganzen Menschheit in sich selbst erlitten.
Sein Schrei (Mein Gott …) ist im Namen der ganzen Menschheit ausgestoßen worden.
Arbeit ist die Einwilligung in die Ordnung des Universums.
Das Vergnügen ist die Illusion eines an die eigene Existenz geknüpften Guten.
Das ist eine fortlaufende Illusion; der Schmerz selbst ist in einem gewissen Grade mit Vergnügen vermischt.
In manchen Augenblicken verschwindet die Illusion durch ein Übermaß an körperlichem Elend vollständig. Dann sieht man sein eigenes Dasein nackt, als bloße Tatsache, die keinerlei Eigenart des Guten aufweist. Das ist schrecklich. Und das ist die Wahrheit.
(Könnte ich doch viele solche Augenblicke haben und ihre Lehre nie vergessen.)
Ein fleischlicher Beweggrund von niedriger Stufe, obwohl er im Übrigen ehrenwert ist, wie die militärische Kameradschaft (bei den Freunden sein, wenn sie getötet werden), macht das Opfern des Lebens einfach. Denn im folge seiner fleischlichen
Eigenart bildet er einen Schleier. Durch ihn angetrieben, geht man in den Tod, von dem man weiß, dass er sicher kommt, ohne ihn jedoch zu sehen.
Geht man dagegen aus reinem Gehorsam Gott gegenüber in den Tod, dann sieht man den Tod nackt. Der Gehorsam verschleiert nichts. Er ist vollkommen durchsichtig.
Deshalb hat Christus den Tod mehr gefürchtet als die anderen Menschen.

Märchen:» … the nightingale called Gizar:- Where is it to be found? -That I cannot tell thee. I only know that its song is the most beautiful that man’s ear has ever heard. «
Wundervoll. Ein Wesen, von dem man nur den Namen und die Vollkommenheit kennt, und weiter nichts; und das genügt, um es zu finden. Das ist Gott.

Origenes sagt, das Buch Hiob sei älter als Moses selbst.
Origenes, Zitat eines Wortes Christi im Evangelium an die Hebräer: „Soeben fasste mich meine Mutter, der Heilige Geist, in einem einzigen Haar und brachte mich auf den hohen Berg Tabor.”

Albanisches Märchen von dem Mädchen, das mit einer Schlange verheiratet ist, die in der Nacht ein wunderschöner junger Mann ist; eines Nachts verbrennen die Schwestern die Schlangenhaut, und er verschwindet. Sie wird ihn nur wiederfinden, wenn sie in der Asche eine unversehrte Schuppe finden kann. Er is der Sohn des Königs der unterirdischen Welt. Um zu ihm zu gelangen, muss sie eine Zeitlang einer abscheulichen Alten dienen, „ welches Gebräu sie dir auch geben mag, trinke und lobe es.” (Das Verbrechen des Gemurres vermeiden.)
[Das blutige Zimmer Blaubarts: bestimmt das Böse in der Welt.]
Lehre des Milaraspa :
“Der Begriff des Nichts zeugt das Erbarmen.
Das Erbarmen hebt den Unterschied zwischen sich und den anderen auf.
Die Vermengung von sich und den anderen verwirklicht die Sache des anderen. «

Milaraspa:
„Nachdem ich über die Sanftheit und das Erbarmen nachgedacht habe,
Habe ich den Unterschied zwischen mir und den anderen vergessen.”

Milaraspa:
»Wenn ihr euch fragt, ob euch eure Sünden vergeben werden, Dann löscht euer Verlangen nach Tugend eure Sünden aus. «
»Als Weg, dem ihr nach meinem Tode folgen sollt, weist alles zurück, was der Egoismus als Freund erscheinen lässt und was den Geschöpfen schadet. Tut im Gegenteil das, was als Sünde erscheint, aber den Geschöpfen von Nutzen ist, denn dies ist religiöses Werk. Wer diese Dinge weiß, sie aber vergisst und wissentlich die Fehler begeht, wird in die Tiefen der Hölle gestürzt werden. «

Erste Hälfte des Vaterunsers.
»Geheiligt werde dein Name«.
Durch den Namen Gottes können wir unsere Aufmerksamkeit auf den wahren Gott richten, der außerhalb unserer Reichweite liegt, nicht begriffen.- Ohne diese Gabe hätten wir nur einen falschen irdischen Gott, von uns begreifbar. Allein dieser Name erlaubt, dass -wir im Himmel, von dem mir nichts -wissen, einen Vater haben.

»Dein Reich komme«.
Deine Schöpfung verschwinde vollständig, angefangen bei mir und allem, mit dem ich Verbindungen habe, wie immer sie auch beschaffen sein mögen.

»Dein Wille geschehe«.
Nachdem ich jede Art von Existenz vollständig aufgegeben habe, nehme ich die Existenz an, wie immer sie auch beschaffen sein mag, nur durch [Übereinstimmung mit dem Willen Gottes.

»Im Himmel wie auch auf Erden«.
Ich nehme die ewige Entscheidung der göttlichen Weisheit und ihren ganzen Ablauf in der Zeit an. Es ist nicht leicht, diese Dinge mit seiner ganzen Seele zu denken. Damit es einem gelingt, braucht man tatsächlich suprasubstantielles Brot, Vergebung der zurückliegenden Verbrechen und Schutz gegen das Böse.
Luzifer ist sehr wahrscheinlich ein Gestirn, das die Ordnung der himmlischen Erscheinungen gebrochen hat.
Blindenstock Seine eigene Existenz nicht mehr als solche wahrnehmen, sondern als Wille Gottes.

Blindenstock und Würfel, die beiden Schlüssel für das Aufsteigen des Denkens.

Spiegel der einfachen Seelen, V, 12 62 – Bild des Eisens und des Feuers.
die menschlichen Fähigkeiten (Wille, Verstand etc.) erschöpfen
für den Übergang ins Transzendente
cf. Spiegel der einfachen Seelen, IX,I 8

XIII, I
“Who believeth a thing which he is not? Smoothly none, for the truth ob believing is in the being of him who believeth. «
Für jeden, der künstlerische und poetische Bildung und ein ausgeprägtes Gefühl für das Schöne besitzt, sind die ästhetischen Entsprechungen die am wenigsten trügerischen, um geistige Wahrheiten anschaulich zu machen.
Sich Christus zum Vorbild nehmen. Nicht, indem man sich sagt: er hat das und das getan, also…
Ein schlechter Maler betrachtet das Mädchen, das ihm Modell sitzt, und sagt sich: “Sie hat eine hohe Stirn, geschwungene Augenbrauen; ich muss eine hohe Stirn, geschwungene Augenbrauen etc. auf die Leinwand bringen. «
Ein richtiger Maler ist durch viel Aufmerksamkeit das, was er betrachtet. Während dieser Zeit bewegt sich seine Hand, mit einem Pinsel am Ende.
Noch deutlicher in den Zeichnungen Rembrandts. Er denkt Tobias und den Engel, und seine Hand bewegt sich.
Auf diese Weise muss Christus unser Vorbild sein. Christus denken – Christus, nicht unser Bild von Christus.
Christus mit seiner ganzen Seele denken. – Und während dieser Zeit handeln der Verstand, der Wille etc. und der Körper.
Das Böse wird auf diese Weise nicht augenblicklich beseitigt.
Aber nach und nach.

Zu diesem Zweck muss man Christus als Mensch und als Gott denken.
Jedes Denken, das wirklich ein Sich-Losreißen hin zu Gott darstellt, ist vielleicht ebenso wirksam? Jedes Denken, das das Vollkommene enthält?)

Philosophie (Probleme der Erkenntnis etc. mit inbegriffen), etwas, was ausschließlich in der Tat und in der Praxis geschieht.
Deshalb ist es so schwierig, darüber zu schreiben. Schwierig in der Art einer Abhandlung über Tennis oder einen Wettlauf, aber in weit höherem Maße.
Die subjektivistischen Theorien der Erkenntnis sind eine vollkommen korrekte Beschreibung des Zustands derjenigen, die nicht die sehr seltene Fähigkeit besitzen, aus sich herauszugehen.
Übernatürliche Fähigkeit.
Nächstenliebe.
Die Taufe verleiht sie leider nicht.
Jede Theorie der Erkenntnis beschreibt auf korrekte Weise einen geistigen Zustand (?)

Das suprasubstantielle Brot. Gott gibt es fortwährend dem Universum, um in ihm die Weltordnung zu bewahren. Warum nicht uns, wenn wir es uns wünschen, um unsere Ordnung zu nähren und zu bewahren? Es ist täglich, denn es hat den Tageskreislauf
der Sterne zum Zeugen.

Chinese fairy-tales, Übs. Martens.
Ein armer junger Bursche, der mit 12 Jahren als Kuhhirt verdingt wird. Er soll eine Kuh versorgen. Nach einigen Jahren ist sie prachtvoll, golden. Ein Tag (7.Tag) schlägt dem Jungen vor, ihn zu den Sternen mitzunehmen, damit er die Weberin
(Tochter des Himmelskönigs, die die Wolken webt) heiratet. Er nimmt an. Sie steigen hinauf. Die Hochzeit wird gefeiert. Aber weil sie durch einen Fluss getrennt sind, sehen die Eheleute sich nur einmal im Jahr. (Kuhhirt, Weberin, Sternbilder auf der
einen und auf der anderen Seite der Milchstraße.)

R.- über W.

»Aber warum dringt er so sehr darauf, mich zu sehen? « –
»Oh! Aus Güte! Einzig und allein aus Güte! Wenn Sie wüssten, wie gut er ist! Er sagt sich, dass Sie hier allein sind, sehr krank … «

Die Ursache für derartige Dinge ist, dass die Aufmerksamkeit desjenigen, der spricht, an der Stelle sitzt, an der die Worte ausgesprochen werden, anstatt automatisch an die Stelle verlagert zu werden, an der sie aufgenommen werden wird.
Wie ist eine solche Verlagerung möglich?
Werkzeuge. Instrumente des Bildhauers. Musikinstrumente; z.B. Geige.
Derjenige, bei dem der Akt, mit einem anderen zu sprechen, nicht von einer solchen Übertragung begleitet -wird, hat nicht verwirklich gelernt zu sprechen, so v.rie derjenige, der liest, indem er die Lippen bewegt, nicht wirklich gelernt hat zu lesen.
Der Vorgang des Sprechens besteht im wesentlichen aus dieser Übertragung der Aufmerksamkeit.
Cf. Maine de Biran. Ganz allgemein:

Begriff der Übertragungen von Aufmerksamkeit.

Sumerische Sintflut.-Vom Anfang der Sintflut an haben die Götter Hunger, weil es keine Opferungen gibt. Beim ersten von Utnapischtim dargebrachten Opfer: “sie rochen den süßen Duft -und wie Fliegen versammelten die Götter sich um das Opfer«, dann beschlossen sie, die Menschheit nie wieder zu vernichten.

Irischer Roman – Erdbeerkonfitüre
Irischer Roman “A flock of birds?”’, in dem die Schwester eines Jungen, der soeben hingerichtet wurde, bei ihrer Heimkehr ein Glas Erdbeerkonfitüre verschlingt, um sich von diesem Tod loszureißen, aus einer Lebenserhaltungsreaktion heraus – und für den Rest ihres Lebens kann sie nie wieder von Erdbeerkonfitüre sprechen hören.
Das imaginäre Unglück eines romantischen Jünglings, der sich eine große Liebe erfunden hat, wäre nicht imstande, ihre Haltung gegenüber der Erdbeerkonfitüre zu verändern.
Diese Macht, in bewegungslose Materie überzugehen, gehört zum Wesen wirklicher Gefühle.
Für den Menschen, der in dieser Welt, hier unten, lebt, ist die wahrnehmbare Materie- bewegungslose Materie und Fleisch – der Filter, das Sieb, das universelle Kriterium für das Wirkliche im Denken; der gesamte Bereich des Denkens, ohne dass irgend etwas ausgenommen ist. Die Materie ist unser unfehlbarer Richter.
Von diesem Bündnis zwischen der Materie und den wirklichen Gefühlen rührt die Wichtigkeit der Mahlzeiten bei feierlichen Anlässen her, bei Festen, bei Zusammenkünften innerhalb einer Familie oder unter Freunden – selbst von zwei
Freunden – etc. (genauso Leckereien, Getränke … ). Und die von besonderen Speisen: Truthahn und kandierte Kastanien zu Weihnachten [Christmas pudding] – Navettes zu Mariä Lichtmess in Marseille – Ostereier – und tausend lokale oder
regionale volkstümliche Bräuche (die beinahe verschwunden sind).
Die Freude und die geistige Bedeutung des Festes liegt in der für das Fest typischen Leckerei.

Wichtigster Teil des Unterrichts = lehren, was erkennen (im wissenschaftlichen Sinn) ist. Nurses.  Cahiers