Poesie und Wirklichkeit

Poesie

Roberto Juarroz

Poesie und Wirklichkeit

Poesía y realidad

Aus dem argentinischen Spanisch van Juana und Tobias Burghardt

Stuttgart 2010 (Edition Delta)

 

Ein Raum

kann einen anderen nicht auslöschen,

aber ihn beiseite drängen.

Auch die Räume nehmen einen Platz ein,

in einer anderen Dimension, die mehr ist als Raum.

 

Es gibt Räume mit einer einzigen Stimme,

Räume mit vielen Stimmen

und selbst Räume mit gar keiner,

aber jeder Raum ist für sich

und einzigartiger als das, was er beinhaltet.

 

Wenngleich sich jeder Raum

am Ende mit jedem Raum vermischt.

Wenngleich jeder Raum

ein unmögliches Spiel ist,

weil nichts einen Raum hat.

 

Der Raum der Poesie und der Raum der Wirklichkeit, die ich in Beziehung zueinander setzen mochte, sind einander auch nicht passgerecht. Wie auch beide nicht, weniger noch einer der beiden, in den bescheidenen Raum dieser  Worte hineinpassen. Zweifelsohne ist die Poesie ein visionärer und gewagter Versuch des Zugangs in einen Raum, der die Menschen in Angst und Schrecken versetzt und für schlaflose Nächte gesorgt hat: der Raum des Unmöglichen, der manchmal auch der Raum des Unsagbaren zu sein scheint.

Als Dichter habe ich diesen Raum intensiv gesucht. Ich versuche deshalb, Ihnen von dieser Suche oder Obsession oder Pilgerschaft meines Schicksals durch die Sprache zu berichten, indem ich zwei Fragen, die für mich zu den wesentlichen Fragen des Menschen gehören, in eine zusammenfasse: die Frage nach der Wirklichkeit (Was ist das Wirkliche? Was ist Sein? Was unterscheidet es vom Nichtsein?

Wer oder was sind wir? Wer oder was sind wir nicht?) und die nach der Poesie (Gibt es irgendeine Art, etwas auszudrücken? Wie kann das Wirkliche ausgedrückt werden? Und das Unwirkliche? Welche Wirklichkeit hat das Wort?).

Für diesen Versuch, der beinahe sicher zum Scheitern verurteilt ist, werde ich zwei sich ergänzende Richtungen oder Wege verfolgen: einerseits die assoziative Betrachtung über die Poesie und die Wirklichkeit sowie andererseits einige Gedichte, in denen ich über beides zu sprechen versuche.

Mich beflügelt zuerst eine unterscheidende Qualität und bisweilen notwendige Tätigkeit vieler moderner Dichter: über das “Handwerk”, wie es Pavese bezeichnet nachzudenken, das eigentlich gar kein Handwerk, sondern eine Art “Antihandwerk” ist. Oder vielleicht eine Art Werk oder Wirken, ein fast liturgisches Tun oder Handeln: vor dem Abgrund zu sprechen, in dem wir uns befinden, mit dem Abgrund, der wir sind, anders vor dem, der wir selbst sind, vor den anderen, vor allem, vor nichts und niemandem. Wenn ich auf meine eigenen Gedichte zurückgreife, ermutigt mich zudem die Tatsache, dass das, was der Dichter sagen kann, sich vor allem immer in seiner Poesie befindet. Mich bestärkt zudem der eindringliche Anfang eines bekannten Textes von Wallace Stevens: “Die Poesie ist der Gegenstand des Gedichts. / Aus ihr entsteht das Gedicht und / zu ihr kehrt es zurück”. Ich werde also abwechselnd Betrachtungen und Gedichte vorbringen, als wären es die zwei Gesichter eines Poetischen Januskopfes: Denken und Imagination, Ausdeutung und Symbol, Idee und Erzittern, Eindeutiges und Vieldeutiges, Erkenntnis und Schöpfung. Formen, die allesamt eins sein sollten, wie der Geist ein einziger ist, obwohl er weht, wie und wo er will. Und ich werde unter diesem Aspekt auch einige treffend Zitate oder Fragmente über die Poesie sowie einige Parabeln oder mehr oder weniger paradoxe Geschichten anführen.

Ich mochte nun eine einzigartige Überlieferung aus der chassidischen Tradition vorstellen, die natürlich jedwede zufällige Interpretation oder ausgesprochen doktrinäre Konnotation ausschliesst: “Wenn der grosse Rabbi Israel Baal Shem Tov vermutete, dass dem jüdischen Volk ein Unglück blühte, ging er gewöhnlich an einen bestimmten Platz im Walde, um reinen Geistes in sich zu gehen. Dort entfachte er ein Feuer und sprach ganz bestimmte Gebete. Und das Wunder ereignete sich, das Unglück war abgewendet. Später, als sein Schüler, der berühmte Maguid de Mezeritsch den Himmel aus ähnlichen Gründen anzuflehen hatte, fand er sich am selben Ort des Waldes ein und sagte: >Herr des Universums, leihe mir dein Gehör. Ich weiss nicht, wie man das Feuer entfacht, aber ich bin noch imstande, das Gebet zu sprechen.< Und das Wunder ereignete sich. Viel später ging der Rabbi zur Rettung seines Volkes in den Wald und sagte: > Ich weiss nicht, wie man das Feuer entzündet, ich kenne das Gebet nicht, aber ich kann mich an der glückbringenden Stelle einfinden. Und das sollte genügen.< Und es genügte, auch damals ereignete sich das Wunder. Danach war dem Rabbi Israel de Rizsin aufgetan, die Gefahr abzuwenden. Er sass auf seinem Schemel und legte seinen Kopf in die Hände und sprach so zu Gott: > Ich bin unfähig, das Feuer zu entfachen, ich kenne das Gebet nicht und kann die Stelle im Wald nicht finden. Alles, was ich tun kann, ist, dir diese Geschichte zu erzählen. Das sollte ausreichen.< Und es reichte aus. Gott erschuf die Menschen, weil ihm die Geschichten gefallen.”

Ob man von Gott spricht oder nicht, die Wirklichkeit hat den Menschen erschaffen, weil irgendetwas in ihr, in ihrem Grund, auf geheimnisvolle Weise nach Geschichten verlangt. Oder anders gesagt: scheinbar gibt es in der Tiefe des Wirklichen eine Notwendigkeit nach Erzählung. Illumination, Vision und selbst vielleicht nach einer sinnvollen oder sinnlosen Begründung die die Menschen hervorbringen müssen.

Es handelt sich nicht um die gewöhnliche Geschichte, die Historie der Geschichtsschreibung die mit Verbrechen und Verirrungen übersät ist, sondern um jene geheime Verbindung der Faden oder Ideen bei tiefgreifenden Ereignissen, die die wahre Geschichte der Menschheit ausmacht, und womöglich um etwas mehr. Ich habe immer gedacht, dass die Poesie die herausragendste Manifestation dieser verborgenen Geschichte der Menschen und der unbeschreibliche Knotenpunkt mit der Wirklichkeit ist, die sich darin offenbart, jenseits der einfachen und tumben linearen Zeitläufte, jenseits der Formeln und Systeme, die die Erkenntnis, das Gebet, den Blick, die Geste, den Ort, die Liebe, den Wald und selbst das Feuer klassifizieren.

Ich glaube ausserdem, dass die Wirklichkeit und die Poesie, so wie sie sich dem Menschen geben, nach einer stufenweisen Selbstlosigkeit verlangen, einer fortschreitenden Entblössung, einer wachsenden Nacktheit, wie in der  chassidischen Parabel, bis wir uns dem Wesenskern dessen nähern, was vorhanden ist oder existiert oder da ist oder uns so scheint, als ob es sei.

Der Mensch existierte, weil jemandem oder irgendeinem Gegenstand die Geschichten gefallen. Aber nicht irgendeine Geschichte und schon gar nicht “die Geschichte”. Deshalb stellt sich die Poesie, die als harmonischer Klang des Wirklichen eine tiefe Geschichte ist, eine andere Geschichte, auch fast immer gegen die oberflächliche Historie und verwandelt sich in “Ahistorie”. Octavio Paz hat eben dies ausformuliert: “ Ein Gedicht ist ein Gegenstand, der aus der Sprache, den Rhythmen, Anschauungen und Obsessionen dieses oder jenes

Dichters und dieser oder jener Gesellschaft gemacht ist. Es ist das Erzeugnis einer geschichtlichen Zeit und einer Gesellschaft, aber seine Geschichtlichkeit ist widersprüchlich. Das Gedicht ist ein Kunstgriff, der auch, ohne dass der Dichter das will, AntiGeschichte erzeugt. Das dichterische Verfahren besteht in einer Umkehrung und Umwandlung des Zeitflusses; das Gedicht hält die Zeit nicht an: es widerspricht ihr und verwandelt sie.”

Ich werde Ihnen dies anders sagen, ich lese Ihnen ein Gedicht über die Poesie vor:

 

Vom Grund des Traums,

wie eine erleuchtete Faust,

die die einsame Kreatur ausstreckt, die schläft,

entsteht der unbezwingliche Wille,

die Erzählung fortzuführen.

 

Es geht nicht darum, dieses oder jenes zu erzählen,

auch nicht darum, zu kopieren oder zu übersetzen

oder das eingepferchte Wachen herauszulocken.

Es handelt sich um einen viel stärkeren Pulsschlag,

der ausserdem nicht unterbrochen werden kann:

die einfache Fortsetzung der Erzählung.

 

Die Erzählung, die nicht begann, noch enden wird,

die Erzählung, die keine Gattung ist

und keine Ranke schmiedet.

Bilder, die wie ein Fluss fliessen,

sich ballen und spreizen,

seltsame Form des Sprechens und Widersprechens

hinter oder vor den Dingen.

 

Der Wille zur Fortführung des Erzählens,

lose Energie im Hier aller Orte,

das nicht unterscheidet zwischen den Leben und den Toden,

zwischen Menschsein oder einer anderen Sache.

 

Es ist die Geschichte, die vom Grund her verlauft,

die geschichtslose und geschichtsträchtige Geschichte,

die in einem Strauss ohne Schleife

das Aroma des Seins bindet

und den Wohlgeruch des Nichts.

 

Der Dienst, der vom Menschen erbeten wird,

ist nicht mehr als die Fortsetzung der Erzählung

mit irgendeinem Argument.

 

Oder auch ohne.

An dieser Stelle möchte ich an eine zen-buddhistische “Situation” oder Parabel oder einen “Kôan” erinnern, mit dem ich vor einiger Zeit ein Buch über das poetische Schaffen begann. Da heisst es: “ Ich habe mein ganzes Leben lang Zen erklärt”, erzählte Bashó, “und dennoch habe ich Zen nie verstanden.” Da erwiderte man ihm: “Aber wie kannst du etwas erklären, das du selbst nicht verstehst?” “Oh”, rief Bashó: “Muss ich dir das auch noch erklären?”

Über die Poesie und gar von der Poesie selbst zu sprechen bedeutet ebenfalls, über etwas zu sprechen, das man nicht versteht. Es ist nicht möglich, die Poesie zu definieren, wie es auch nicht möglich ist, die Wirklichkeit zu definieren. Geschieht dies womöglich auch mit der Definition des Lebens, der Liebe, des Todes, der Musik, des Leids, des Traums? Ist es überhaupt möglich, irgend etwas zu erklären? Oder handelt es sich vielmehr um eine kleine Annäherung an das Unerreichbare, nicht mehr als um den Traum einer Formulierung des Unfassbaren? Bashó war nicht nur Zen-Meister, sondern auch einer der grössten Dichter seiner Zeit. Es verstand Zen nicht, er verstand auch nicht die Poesie, aber er lebte sie, er erfuhr und erlebte sie, er schuf sie. Gibt es eine andere Art der Erkenntnis? Gibt es eine andere Art, ins Wirkliche hineinzukommen? Eine Utopie der Definitionen, ebenso wie die uralten Spiegelungen der Namen, diese festen Bezeichnungen, die die Identität der Dinge wegzaubern. Die Poesie ist Schöpfung durch das Wort. Meiner Ansicht nach ist die Poesie die höchste Form des Schöpferischen, die der Mensch besitzt. Nein, natürlich nicht aus dem Nichts, sondern aus sich selbst heraus, aus seiner eigenen Verwandlung in etwas anderes, aus der eigenen Erfindung oder Invention durch die unaufhörliche Invention oder Erfindung, die Sprache heisst. Der Dichter erschafft das Gedicht und erschafft sich selbst von neuem im Gedicht.

Deshalb erlaubt das Gedicht letzten Endes keine Erklärung oder gleichzeitigen Diskurse. Novalis unterstrich: “ Kritik der Poesie ist ein Unding.” So schrieb ich einmal folgenden Satz: “Die einzige Form, eine Schöpfung aufzunehmen, ist ihre Neuschöpfung. Sich mit ihr vielleicht zu erschaffen.” Und zudem denke ich, dass die einzige Form, die Wirklichkeit wieder zuerkennen und wahrzunehmen, sie aufzunehmen und somit Wirklichkeit zu sein, darin besteht, sie und sich selbst zu erschaffen, sich selbst mit ihr wieder zuerschaffen.

Die Poesie und die Wirklichkeit erscheinen somit als die intimste Wesensverwandtschaft, die es im Menschsein gibt. Vor fast zwanzig Jahren schrieb ich: “Ich lebe die Poesie wie eine Explosion des Seins unterhalb der Sprache.” Und mir scheint es angebracht, heute an Heidegger zu erinnern, der mit einigen äusserst berührenden Bewegungen des Denkens unseres Jahrhunderts feststellt: “Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch.

Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung.” (Briefe über den Humanismus) Und dann noch: “Dichtung ist worthafte Stiftung des Seins.” (Hölderlin oder das Wesen der Dichtung) Um noch etwas aus seinen Studien über Rilke hinzuzufügen: “Das ist die Aufgabe des Dichters, vor allem in dürftigen Zeiten.” (Holzwege) Und ich mochte bisweilen durchaus nicht lockerlassen und komme noch an anderer Stelle auf die Frage nach Sein und Wirklichkeit zurück, die im Mittelpunkt des Lebens aller Menschen steht, offenkundig bei einigen, jedoch bei den meisten wortkarg oder unterdrückt, denn ich mochte neben diese Frage, die sich im Mittelpunkt aller Kunst, aller Philosophie, aller Religion befindet, eine weitere, ergänzende Frage stellen. Was ist Metaphysik?: “Warum gibt es etwas und doch auch nichts? “

In dieser Beziehung zwischen Poesie und Wirklichkeit bedeutet die erste Bedingung jeder wertvollen Poesie einen Bruch: die Stufenleiter des Wirklichen zu erschliessen. Die konventionellen und krampfhaften Teile der alltäglichen Automatismen zu zerbrechen, sich in das unendliche Wirkliche einzufinden, oder besser noch: in das “grenzenlose Endliche”, wie es einige Wissenschaftler versuchen. Dieses Unendliche durch eine unvermeidliche Veränderung des Lebens und der Sprache aufzunehmen, das bei jedem Ding beginnt und gleichzeitig damit aufhört, eine anachronistische Dekoration zu sein, eine mittelälterliche Anrufung, eine mathematische Gleichung oder eine flüchtige und nebulöse Bezugnahme, die die Mehrheit zu vergessen versucht, als wäre es ein schlechter Einfall. Das beinhaltet, sich daran zu erinnern, dass unter anderem nach Paul Klee das Sichtbare allein ein Beispiel des Wirklichen ist und nach William Blake die Dinge, wenn man die Türen der Wahrnehmung reinigen würde, so erscheinen, wie sie sind, d.h. unendlich. Das setzt auch voraus, dass es nicht mehr möglich ist, sich auf einen Ort, ein Land, eine Sprache, ein Leben, eine Epoche, eine Literatur zu beschranken.

Jede Literatur ist vergleichende Literatur. Jedes Denken ist vergleichendes Denken. Es gibt keinen Ausweg: die Poesie erschliesst die Skala des Wirklichen (Raum, Zeit, Geist, Sein, Nichtsein) und verändert das Leben, die Sprache, die Sicht oder Welterfahrung, die Möglichkeit jedes Einzelnen, seine Schöpferische Fähigkeit. In diesem Prozess, der keine Milde zulässt, bei dem der normale, abgestumpfte und bisweilen verkommene Gebrauch des Wortes zerstört wird, bei dem die befreiende und unumgängliche Überschreitung der Sprache aufgenommen wird, um weiter zu gehen im Ausdruck des Wirklichen und Menschlichen. Bei der Suche nach der “Tiefe der Form” (Hebbel), die nicht zu trennen ist von der Tiefe des Sinns, schöpft die Poesie mehr Wirklichkeit, fügt Wirklichkeit zur Wirklichkeit hinzu, ist Wirklichkeit.

Und das Gedicht, das demnach wie eine Ordnung oder offene Struktur aufkommt, die bewusst unfertig ist, weil sie sich im Leser, Empfänger oder Zuhörer vervollständigen soll, setzt sich offensichtlich als eine Anwesenheit durch. Und das Gedicht als Anwesenheit geht weit über die Feststellungen und Erklärungen hinaus, um – jenseits der Logik und keinesfalls diskursiv – diese Wirksamkeit zu gestalten, die eben die Poesie ist. Und jene Anwesenheit, die das Gedicht ist, bricht ausserdem die Einsamkeit des Menschen, dient ihm als wesentliche Begleitung und hilft ihm, das finstere Spiel der Fragen und Antworten zu ergründen. Wegen alledem ist die Poesie der grösstmögliche Realismus, wenngleich die Blauäugigen, lgnoranten und Hochmütigen sie Für eine Abstraktion, Ausflucht oder unterstützende Anwandlung der politischen oder ideologischen Vorherrschaft halten. Ja, die Poesie ist der grösstmögliche Realismus. Und sie springt sogar über die Namen der Dinge, um sie anders zu nennen, ohne den Betrug und die Willkür des Etiketts. Sie befreit vom Namen, wie es Roger Munier und Laura Cerrato bezeichnet haben, um über die festgelegte Bezeichnung hinwegzugehen, die sie lähmt oder versteinert, mehr als der Blick der Meduse, und erlangt diesen übertragenen Namen oder Meta-Namen, der das Sein zurückgewinnt.

Das geschieht durch das unerwartete Bild, die Metapher, die “correspondances” von Baudelaire, die überlogischen Wendungen des Ausdrucks, durch das “donner a voir” von Éluard, “die gedankenlose Quelle des Gedankens”, durch die Andeutung oder den nachdrücklichen Zwischenfall des Rhythmus, den Jakobsen unterstreicht, durch jenen geheimnisvollen Halt der Harmonie, die letzten Endes zu einer Art unentschlüsselbarer Musik des Sinns führt und durch die umgestaltete Sprache einen neuen Blick weckt: einen Blick, der mit Wörtern sieht. Ich lese Ihnen ein Gedicht vor:

 

Die Welt zu enttaufen,

den Namen der Dinge opfern,

um ihre Anwesenheit zu gewinnen.

 

Die Welt ist ein nackter Ruf,

eine Stimme und nicht ein Name,

eine Stimme mit ihrem eigenen Echo auf dem Rücken.

 

Und das Menschenwort ist ein Teil dieser Stimme,

kein Fingerzeig,

keine Aufschrift im Archiv,

keine Seitenansicht des Wörterbuchs,

kein hörbarer Personalausweis,

kein Kennwimpel

der Topographie des Abgrunds.

 

Der Dienst des Wortes,

jenseits der kleinen Armut

und der kleine Zärtlichkeit, dieses oder jenes zu bezeichnen,

ist ein Liebesakt: Anwesenheit zu schöpfen.

 

Der Dienst des Wortes

ist die Möglichkeit, dass die Welt zur Welt spricht,

die Möglichkeit, dass die Welt zum Menschen spricht.

 

Das Wort: jener Körper, gerichtet an alles.

Das Wort: jene offenen Augen.

 

An dieser Stelle möchte ich einen fast unbekannten Text eines argentinischen Dichters, Aldo Pellegrini, als besonderes Zeugnis anführen. Vor 25 Jahren habe ich es von ihm für eine Poesiezeitschrift erbeten. Am Schluss heisst es da: “Die Poesie ist nicht mehr als diese starke Notwendigkeit, das Sein zu bekräftigen, welches den Menschen vorantreibt. Es stellt sich gegen den Willen zum Nichtsein,der die beherrschte Masse leitet, und es stellt sich gegen den Willen, in den anderen zu leben, der sich bei denen zeigt, die Macht ausüben. Die Einfältigen leben in einer künstlichen und falschen Welt, die auf Macht basiert, die man über andere ausübt, und sie negieren die umfassende Wirklichkeit des Menschlichen, die sie durch hohle Schemen ersetzen. Die Welt der Macht ist eine sinnentleerte Welt ausserhalb der Wirklichkeit. Die Poesie ist eine Mystik der Wirklichkeit.

Der Dichter sucht im Wort keine Ausdrucksform, sondern eine Art der Teilnahme an der Wirklichkeit selbst. Der Dichter drückt durch das Wort nicht die Wirklichkeit aus, sondern er nimmt an ihr teil. Die Tür der Poesie hat weder Schlüssel noch Schloss: sie verteidigt sich durch ihre Qualität der glühenden Leidenschaft. Allein die Unschuldigen, die den Habitus des reinigenden Feuers kennen und brennende Finger haben, können diese Tür öffnen und durch sie in die Wirklichkeit eindringen. Die Poesie versucht, diese Aufgabe zu erfüllen, damit die Welt nicht nur für die Einfältigen bewohnbar sei.”

Dasjenige, was wir das Prinzip des Wirklichen nennen könnten, ist nicht durch eine einzige der Fähigkeiten, Talente oder Veranlagungen des Menschen zu begreifen, sondern durch die verbindende und ganzheitliche Verschmelzung aller, was jedoch viel mehr ist als ihre mechanische Summe. Ich denke, dass es auch genauso mit der Poesie geschieht. Eine der höchsten Perspektiven des Geistes in der heutigen Epoche ist die Wiedererlangung oder Wiedergewinnung der Einheit oder Ganzheit des Menschen durch die Poesie.

Unter diesem Gesichtswinkel sind Denken und Fühlen eine Einheit, wie Intelligenz und Liebe, Kontemplation und Aktion. Der Mensch ist trotzig verhöhnt, zergliedert und gespalten worden. Seine Vorstellungsfähigkeit, seine Macht des Sehens, seine Kraft der Kontemplation verkümmerten am Rande des Ornamentalen und Unbrauchbaren. Die Poesie und Philosophie trennten sich an einem katastrophalen Abschnitt der kaum erzählbaren Geschichte des Denkens. Das Schicksal des modernen Menschen liegt in der Wiedergewinnung der Einheit von Denken, Fühlen, Vorstellen, Lieben, Schöpfen. Als eine Lebensform und Wegstrecke hin zum Gedicht, das diese Einheit gestaltet.

Nicht umsonst sagte der baskische Philosoph und Poet Miguel de Unamuno: “Der Gedanke fühlt, das Gefühl denkt.” Auch deshalb ist die Poesie der grösstmögliche Realismus: im Versuch, den gespaltenen und zergliederten Menschen zu vereinen, seine losen Enden zu einem Ende zu verbinden, so dass es nicht mehr wichtig ist, ob lose oder nicht.

Natürlich wird es immer eine Poesie des gespaltenen Menschen geben (sentimental oder sozial oder pamphletistisch oder ideologisch, ein Produkt der Zerstreuung oder Proklamation, erkennbar am steten Missbrauch der Wiederholung, des Diskursiven und Rhetorischen). Aber es wird immer eine Poesie des nicht gespaltenen Menschen geben, die meiner Ansicht nach die einzige Poesie ist, die wichtig ist und der ich mich heute annähern mochte, die Poesie, die einige von uns suchten, als wir eine junge Zeitschrift mit dem Titel “Poesie = Poesie” tauften. Die Poesie, die allein für ihre Schöpferische Freiheit steht, die kein Zurück kennt und sich in Schicksal wandelt. Und da man sie zuweilen nicht begreift, mochte ich hier mit Nachdruck bekräftigen: auch der Gedanke passt in die Poesie. Macedonio Fernandez wusste es durchaus, als er seine “Gedankenlyrik” suchte, wenngleich viele “ Lyriker” und aktuelle Kritiker das Gegenteil anstreben. In meinem Erstling gibt es ein Gedicht, in dem folgendes steht:

 

Ich denke, dass in diesem Augenblick

vielleicht niemand auf der Welt an mich denkt,

dass allein ich an mich denke,

 

und wenn ich jetzt stürbe,

würde niemand, nicht einmal ich selbst, an mich denken.

 

Und hier beginnt der Abgrund,

wie wenn ich einschlafe.

Ich bin mein eigener Halt und entferne ihn mir.

Ich trage dazu bei, alles mit Abwesenheit zu überziehen.

 

Vielleicht geschieht es deshalb,

dass an einen Menschen denken

dem ähnelt, ihn zu retten.

 

An einen Menschen denken ähnelt, ihn zu retten. Die Poesie ähnelt auch der Rettung, egal ob Rettung existiert oder nicht. Jahre später schrieb ich in einem anderen Gedicht folgende Zeile, die vielleicht ein Schlüssel sein kann für das, was ich sagen möchte: “Denken ist wie Lieben.” Und in einem weiteren Gedicht entstand die nächste Variante: “Zu zweit denken, so wie man sich liebt.”

Die Poesie des nicht gespaltenen Menschen wird dennoch paradoxerweise weiterhin ein Riss, eine Gegenströmung, eine Marginalität bleiben, denn sie kann in ihrer wesentlichen Verwegenheit nicht damit aufhören, die stereotypen Normen und Vorschriften der Sprache und der Massenmedien des gespaltenen Menschen auseinanderzunehmen und zu zerbrechen. Selbst Unamuno schrieb einmal: “Die geistige Welt der Poesie ist die Welt der reinen Irrlehre, oder besser: der puren Ketzerei. Jeder wahre Dichter ist ketzerisch, und ein Ketzer ist der, der sich an Nachschriften und nicht an Vorschriften halt, an Ergebnisse und nicht an Voraussetzungen, an Schöpfungen und Gedichte und nicht an Dekrete und Dogmen.”

Der Dichter ist ein Förderer der Risse. Die scheinbare Wirklichkeit zerbrechen oder darauf warten, dass sie Risse bekommt, um zu begreifen, was hinter dem Trugbild ist, jenseits der Scheinwirklichkeit. Dort befindet man sich fern der kultivierten Schönheit der Treibhäuser, der sentimentalen Erschöpfung, der vergnüglichen und verspielten Literatur, der hedonistischen Zuflucht, der Virtuosität oder Breitenwirkung. Man befindet sich weit entfernt vom Journalismus, der die Aktualisierung der Wahrheit vorgaukelt, von der Kritik, die für ihre Interpretationen und Wertungen versucht, die Schöpfung  einem pseudowissenschaftlichen Podium oder einem System der Mode auszusetzen. Und man befindet sich ebenso fern der wissenschaftlichen Disziplinen wie der Philologie oder Linguistik, die trotz ihrer ernsthaften Bemühungen um die Sprache niemals von der Poesie sprechen können, weil sie neben anderen Dingen jene Idee von Emerson vergessen, die Borges in einem seiner letzten Interviews, kurz vor seinem Tod, angeführt hat: “Die Sprache ist fossile Poesie.”

Oder anders gesagt: Die Poesie ist das nicht versteinerte oder unversteinerte Leben der Sprache. Ja, der Dichter ist ein Förderer der Risse, vor allem der zeitgenössische Dichter. Vielleicht ist er deshalb allein, aber nur allein kann man die Risse fördern. Er ignoriert nicht den extremen Sinn des Textes von Rabbi Joseph Ben Shalom aus Barcelona:

“Der’ Abgrund wird in jedem Riss sichtbar. In jeder Verwandlung der Wirklichkeit, in jedem Wechsel der Form, oder immer, wenn sich der Zustand von etwas verändert, wird der Abgrund des Nichts durchquert und so für einen flüchtigen und mystischen Augenblick sichtbar. Nichts kann sich verändern ohne eine Berührung mit diesem Bereich des absoluten Seins.”

Nicht umsonst erklärte Rimbaud am Eingangstor der modernen Poesie, dass der Dichter ein Seher ist. Und nicht umsonst bezeichnete Claudel Rimbaud als “einen wilden Mystiker”. Denn der Dichter ist ein irregulärer Mystiker, ein mystischer Fremder, der spricht, obwohl er weiss, dass die Stille und das Schweigen der Anfang aller Dinge oder der Grund aller Dinge ist, auch des Wortes. Ich werde Ihnen ein Gedicht vorlesen:

 

Gewinnanteile der Stille.

 

Was kann ein Gehör hören,

wenn es sich auf ein anderes Gehör stützt?

 

Die Abwesenheit des Wortes

ist ein langes Zeichen weniger,

das sich von seiner Zahl löst.

 

Die Farbe ist eine andere Art,

die Stille zu versammeln.

 

Die Form ist ein andersartiger Raum,

der den anderen Raum drängt,

als wär er Rinde.

 

Ein Vogel weicht

vor einer quadratischen und schwarzen Sonne zurück

und stellt sich auf dem Draht verkehrt herum,

wo ein Gedanke schweigt.

Und der Gedanke weicht seinerseits vor dem Vogel zurück,

wie das Gummi einer Steinschleuder

die Kugeln der Stille abfeuert.

 

Ein verrückt gewordener Fisch

weitet das Herz des Wassers

im Mittelpunkt des Menschen

und öffnet dort den Raum,

wo die Stille des Fisches

schwimmen kann,

seine Akrobatik der Abwesenheit.

 

Es gibt keine Poesie ohne Stille oder Schweigen und ohne Einsamkeit. Aber die Poesie ist vielleicht auch die reinste Form, über die Stille und das Schweigen hinauszugehen, jenseits der Einsamkeit. Darin ähnelt sie dem Gebet für den der noch beten kann. Für den Dichter besetzt die Poesie den’ Raum des Gebets, ersetzt und bekräftigt es gleichermassen. Ein weiteres Gedicht besagt:

 

Du hast keinen Namen.

Vielleicht hat nichts einen Namen.

 

Aber es gibt so viel Rauch, verteilt in der Welt,

so viel unbeweglichen Regen,

so viel Menschsein, das nicht geboren werden kann,

so viel horizontales Klagen,

so viele Friedhöfe,

so viele tote Kleider,

und die Einsamkeit bedrängt viele Leute,

dass der Name, den du nicht trägst, mich begleitet,

und der Name, der nichts bedeutet, einen Ort erschafft,

wo die Einsamkeit überflüssig ist.

 

Es gibt einen aufschlussreichen Text von Hugo Friedrich (in seinem Buch Die Struktur der modernen Lyrik), der mir alledem ganz nahe zu kommen scheint: “Moderne Lyrik ist wie ein grosses, noch nie vernommenes, einsames Marchen; in seinem Garten sind Blumen, aber auch Steine und chemische Farben – Früchte, aber auch gefährliche Drogen; in seinen Nächten und unter seinen extremen Temperaturen zu leben, ist anstrengend. Wer zu hören vermag, vernimmt in dieser Lyrik eine harte Liebe, die unverbraucht bleiben will und darum eher in die Wirrnis oder auch in die Leere spricht als zu uns. ( … ) Die Dichter sind allein mit der Sprache. Aber die Sprache allein rettet sie auch.”

Aber das alles verlangt nach Einfühlungsvermögen, das Offene bei Rilke, das rastlose Warten, wo die Hoffnung schon fast nicht mehr möglich ist. Emily Dickinson sagte es mit ihrer sehr tiefgehenden Stimme: “Ich bewohne die Möglichkeit – / ein schöneres Haus als die Prosa – / mit zahlreicheren Fenstern-/ mit noch mehr Türen -”.

In einem meiner letzten Bücher finde ich diesen Text:

 

Ich habe einen schwarzen Vogel,

damit er nachts fliegt.

Und damit er am Tag fliegt,

habe ich einen leeren Vogel.

 

Aber ich habe entdeckt, dass sich beide

geeinigt haben,

um das gleiche Nest zu besetzen,

die gleiche Einsamkeit.

 

Deshalb nehme ich ihnen

manchmal dieses Nest weg,

um zu sehen, was sie tun,

wenn ihnen die Rückkehr fehlt.

 

Und so habe ich

ein unglaubliches Bild wahrgenommen:

den bedingungslosen Flug

im völlig Offenen.

 

Und das Warten. Das Warten anstelle der Hoffnung, die uns abhanden gekommen ist. Ohne Projekte, ohne tröstenden Balsam, ohne Glaubensüberspanntheit nehmen wir die Verzweiflung eines bewegenden Gedankens von Heidegger wahr, der besagt, dass wir für die Götter zu spät und für das Sein zu früh gekommen sind. Das Warten gehört zu den entscheidendsten Kernpunkten der zeitgenössischen Poesie, Kunst und Gedanken; diese grundlegende Spannung übersetzt sich manchmal genial in Werken wie Warten auf Godot. Wir wissen, dass Beckett bei der Frage, was er damit sagen, ausdrücken wollte, antwortete: “Warten auf Godot.”

Dieses unverwechselbare Beispiel für seine Furcht vor der Überinterpretierung, die noch gefährlicher ist als die falsche Interpretation, bleibt andererseits eine Bestätigung jener umfassenden Äusserung von Susan Sontag: “Anstelle einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst. “

Oder anders gesagt: was uns dringend erscheint, ist keine diskursive oder erklärende Zwischenbemerkung, sondern eine tiefe Schwingung, eine Kommunion, eine Konversion vor dem Text, vor allem wenn es ein Gedicht ist. Andererseits finde ich in einem der letzten Interviews mit Heidegger folgende Sätze: “Nur ein Gott uns noch retten. Uns bleibt einzig die Möglichkeit, im Denken und in der Dichtung eine Bereitschaft für die Anwesenheit Gottes oder für die Abwesenheit Gottes in unseren Zeiten des Niedergangs vorzubereiten. Damit wir niedergehen vor dem Antlitz des abwesenden Gottes.”

Und in einem vor einigen Jahren vom französischen Dichter Roger Munier veröffentlichten Buch, dessen Titel ein Satz aus dem Vishnu Purana ist, “Der Besucher, der nie ankommt” (Le Visiteur qui jamais ne vient), erscheinen diese fundamentalen Worte: “Ich warte. Eigentlich warte ich jetzt und in Zukunft nie auf etwas anderes als auf den Besucher, der nie ankommt- aus dem Vishnu Purana. Dieses Warten ist das, was ich hier offenhalte und zurücklasse.

Es nimmt unzählige Gestalten an, denn der Besucher, der  nie ankommt, kann und soll in allem erwartet werden. Er ist nicht wirklicher als in diesem Warten, aber darin ist er durchaus wirklich: im Warten kommt er sozusagen an.

Er ist der Sinn, der davon abweicht, die Hoffnung oder die Vision, die sich sowohl anbietet als auch verflüchtigt, mit einem Wort, die Gelassenheit des Wartens, was nichts anderes bedeutet als Warten, aber das Warten ins helle  Licht stellt. Der Besucher, der nie ankommt, ist das Gewebe unserer Tage selbst.”

Ja, die Poesie ist die Aufgabe eines wesentlichen Wartens, das durch das Wort im Mysterium entworfen wird, der Schöpferische Prozess im Menschen. Denn “die Schöpfung”, wie Clarice Lispector in ihrem Buch A descoberta do mundo schreibt, “ist kein Verstehen, sondern ein neues Mysterium”. Meinerseits habe ich in einem Gedicht, das einige aufschreckte (es sind nie viele, die wegen eines Gedichtes unruhig werden), folgendes ausgedrückt:

 

Man diktiert mir Dinge,

aber nicht aus einer anderen Welt

oder durch andere Wesen,

sondern, ein wenig bescheidener, von innen.

 

Aber wer ist innen,

ausser mir selbst?

Oder bin ich vielleicht nicht in mir

und habe meinen Platz frei gelassen,

damit ein anderer mir diktiert?

 

Wenn das so ist,

ist es einerlei, dass niemand

das Diktat versteht.

Es ist auch einerlei,

ob ich es verstehe.

 

Sein heisst nicht verstehen.

 

Das alles führt uns fast spontan oder naturgemäss zu einem anderen Aspekt oder Hauptproblem, das ich vor wenigen Monaten für eine Veröffentlichung, die einige junge Dichter aus Buenos Aires beispielhaft herausgeben, zusammengefasst habe: “Es ist unaufschiebbar, die Welt von neuem zu weihen und dem Leben ihre ursprüngliche Transzendenz wiederzugeben. Aber die Resakralisierung kann für manche nur noch laienhaft gemacht werden, d.h. ohne Dogmen, Theologien oder Kirchen. Die Poesie ist die wahre laienhafte Resakralisierung der Welt. Und das, obwohl der Dichter fühlt, dass sein Reich auch nicht von dieser Welt ist. Aber er weiss auch, dass es auch nicht von einer anderen Welt ist. Ihm bleibt also kein anderer Weg, als eine neue Welt zu erschaffen, die dritte. Wirklicher als die anderen ist die Welt der Poesie, die letzte Alternative der Rettung, die uns bleibt, der letzte Rückgriff unserer geheimnisvollen Notwendigkeit des Seins.”

Das bedeutet keinesfalls, andere Ansichten und Glauben nicht zu achten oder eben zu ignorieren, ganz im Gegenteil. Novalis hielt die Poesie nicht umsonst für die ursprüngliche Religion der Menschheit. Einige von uns glauben, dass man diesen Ursprung wiedergewinnen muss, um weitermachen zu können. Das geschieht allein durch jene Achse, durch die Poesie, das Erzittern und die Vertikalität der Transzendenz, natürlich unverschlüsselt, der Unendlichkeit, natürlich namenlos, des Heiligen, natürlich ohne Theologie. Ich möchte Ihnen ein Gedicht aus meinem ersten Buch ins Gedächtnis rufen:

 

Ich weiss nicht, ob alles Gott ist.

Ich weiss nicht, ob etwas Gott ist.

Aber jedes Wort nennt Gott:

Schuh, Streik, Herz, Bus.

 

Und ausserdem:

in Brand gesetzter Bus,

alter Schuh,

Generalstreik,

Herz neben Ruinen.

Und darüber hinaus noch:

Bus ohne Mensch,

Schuh ohne Sohle,

Generalstreik der Toten,

Herz in den Ruinen der Luft.

Und darüber hinaus noch:

regloser Bus für Götter,

Schuhe, um durch die Wörter zu gehen,

Streik der Toten mit Altkleidern,

Herz mit dem Blut der Ruinen.

 

Und mehr.

Aber das ist nicht wichtig.

Ich habe schon aufgehört zu beten.

Ich werde jetzt die Schulter Gottes suchen.

 

Das alles verlangt  gleichzeitig  nach dem, was man eine transzendentale  Meditation der  Sprache oder   über   die Sprache  nennen   könnte.  Es  gibt  keine  ganze  Poesie ohne sie. Und niemand kann eigentlich  über die Poesie ohne  jene transzendentale Betrachtung  sprechen.  Jeder authentische Dichter begründet sie  von neuem.  Nur  in ihr kann eine transzendente Poesie verwurzeln – in dem Sinne, den wir heute diesem Begriff gegeben haben. Und ich glaube, dass es eigentlich keine andere Poesie gibt, die zumindest diesen  Namen  verdient.  Andererseits ist die blosse Transzendenz für die Poesie nicht ausreichend.

Ich vermute schliesslich, dass die Poesie eine Notwendigkeit ist,  eine   fundamentale  Forderung    des   Menschseins, geäussert oder nicht. “ Wenn ich sage, was ich sage, dann  deshalb, weil mich das, was ich sage, besiegt hat”, schrieb auf  einleuchtende Weise unser  Antonio  Porchia.  “Die Wörter sind  Heiligtümer”, wie auch  der  Chassidismus bekräftigt.  Das poetische  Wort, wie der  Flügel, ist die Bedingung, um den Abgrund zu ertragen, denn ansonsten blieben allein das Schwindelgefühl und der Sturz übrig. An den Grenzen des Menschen ist die Poesie das bewegliche Ziel,  das  ihn  begleitet  und  beschützt.   Eine  unnötige Poesie ist keine Poesie. Deshalb konnte  Rilke folgendes sagen, wahrend er vor allem an die Poesie dachte: “ Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand.

In dieser Art seines Ursprungs liegt sein Urteil: es gibt kein anderes.” Oder an einer anderen Stelle seiner Briefe an einen jungen Dichter schreibt Rilke: “Kunst-Werke sind von einer unendlichen Einsamkeit und mit nichts so wenig  erreichbar als mit Kritik. Nur Liebe kann sie erfassen und halten und kann gerecht gegen sie sein.” Es wäre zumindest wünschenswert, wenn alle Aussenstehenden die über das Kunstwerk, die Poesie sprechen, wenigstens’ diese paradoxe Notwendigkeit des Schöpfers der Duineser Elegien erkennen und begreifen würden, der in einem anderen kurzen Text einmal äusserte, dass er beim Schreiben nicht auf die Federkielspitze achtet, sondern auf die Laune des anderen Endes der Feder in der Luft.

Und hier entdecke ich die letzte Notwendigkeit der Poesie: ihre unersetzliche Verbindung mit dem Zufall oder der widerstandslosen Kraft unserer Unwissenheit.

Wegen der zergliederten und widersprüchlichen Welt, in der wir leben, durch die verletzte Conditio humana und das rastlose Abenteuer der Sprache, durch die geheimnisvolle Liebe zum Leben und die dreiste Unmittelbarkeit des Todes kann die Poesie vielfach zu einer Art Stammeln werden, eine offensichtlich schwankende und konfuse Ausdrucksform. Nicht umsonst, wenngleich vielleicht fern der Hauptströmung, vergleicht Jakobsen die Sprachstörung und die Poesie.

Und Octavio Paz wird seinen Grund gehabt haben, um im Langgedicht Adler oder Sonne? folgendes zu sagen: “Es ist nicht die Stunde des Gesangs, sondern des Stammelns.” Im Januar 1986 fand ich in Paris, wo er sich das Leben nahm, diese Verse aus dem Gedicht “Tübingen, Jänner” von Paul Celan, vielleicht der grösste deutsche Dichter seit Rilke:

 

Käme,

käme ein Mensch,

käme ein Mensch zur Welt käme, heute, mit

dem Lichtbart der

Patriarchen: er dürfte,

sprach er von dieser

Zeit, er

dürfte

nur lallen und lallen,

immer-, Immer-

zuzu.

 

(“Pallaksch, Pallaksch.”)

Poesie

Die Poesie ist der Versuch, das Unsagbare auszusprechen, der extremste und risikoreichste Gebrauch der Sprache, aber bei der Verfolgung von etwas fast Unerreichbarem – und gequält durch die Unaussprechlichkeit- zielt die Poesie manchmal darauf ab, die Wörter zu zerstören und wie die Splitter eines unumgreifbaren Stammes zu zerbrechen. Vor wenigen Wochen schrieb ich:

 

Auch die Wörter zerbrechen,

als ob sie eingezwangt waren vor dem Abgrund,

oder Fenster, die genarrt wurden

durch eine Verschwörung von Licht und Schatten.

 

Und dann mit den Fragmenten sprechen,

mit Wortteilen sprechen,

denn kaum taugte es,

mit den ganzen Wörtern zu sprechen.

 

Das verschollene Stammeln wiedergewinnen,

das in den Ursprung der Dinge hineinpasste,

und zulassen, dass die Teile dann von selbst zusammenpassen,

wie man die Knochen zusammenwachsen lässt,

wie man die Ruinen wieder aufbaut.

 

Manchmal geht das Zerrissene dem Ganzen voran,

die Teile von etwas sind früher als etwas.

Die Lehre der Einheit

ist noch schlichter und ungewisser

als wir vermuten.

Die Wahrheit ist so wenig sicher (für den Menschen)

wie ihre Verneinung.

 

Daher glaube ich, dass Cesare Pavese recht hatte, als er bemerkt, dass der Dichter immer ein Lehrling sein wird, so bedeutend er auch sein möge. Vor der Unendlichkeit der Wirklichkeit, der Erkenntnis, der Unkenntnis und der Sprache wird man sich immer an den Anfangen befinden.

Das zu vergessen ist gleichbedeutend mit der Vergiftung der Quelle. Hier gehört Paul Valéry hinein: “Ein Gedicht beendet man nicht: man verlässt es.” Kein Gedicht kann sich vervollständigen. Es ist besonders merkwürdig: nichts kann sich vervollständigen. Das ist einer der Gründe für die Idee der “opera aperta” bei Umberto Eco: das Gedicht vervollständigt sich, zumindest relativ gesehen, in dem, der es empfangt, aufnimmt und wiedererschafft.

Aber der Dichter muss neben vielen anderen Dingen die Unvollkommenheit schmerzlich annehmen, wenngleich er nicht damit zufrieden ist. Ich schrieb einmal: Vielleicht sollten wir lernen, dass das Unvollkommene eine andere Form der Perfektion ist, die Form, die die Perfektion annimmt, um geliebt zu werden.

Eines Tages hatte Baudelaire die Verwegenheit zu sagen, dass die Korrektur wichtiger sei als das Schreiben: denn die Korrektur beginnt im ersten Augenblick des Gedichts und endet nie. Alles sind Varianten, Möglichkeiten, der ewige Garten der sich verzweigenden Pfade von Borges, um sich immer weiter zu verzweigen. Aus diesem Grund stellte sich Valéry vor, ein Gedicht mit allen seinen Varianten zu veröffentlichen, was eine aussergewöhnliche Aufgabe der Lektüre und des Lernens sein würde. Aber hier kann ich die unvergleichliche Antwort von Joan Miró nicht vergessen, als man ihn fragte, was er bei der Beendigung eines Bildes so machte. Er antwortete: “Ich drehe es um und stelle es so an die Wand, damit es sich selbst abschliesst.” Diese aleatorische Tantalus Natur der Poesie und der Kunst spiegelt die eigene

Natur der Wirklichkeit zuweilen scheinbar wider. So konnte Macedonio Fernandez sagen, dass “die Welt aus tantalischer Inspiration entstand”.

So konnte ich in meiner Fünften Vertikalen Poesie schreiben:

 

Die Welt ist der zweite Bezirk

einer unvollständigen Metapher,

ein Vergleich,

dessen erstes Element verlorengegangen ist.

 

Wo ist das, was wie die Welt war?

Flüchtete es aus dem Satz,

oder haben wir es ausradiert?

 

Oder war etwa die Metapher

schon immer zerbrochen?

 

Wegen der Hinfälligkeit des Möglichen verstehe ich die Poesie stets als eine Verfolgung des Unmöglichen, eine Suche nach der anderen Seite der Dinge, einen liebevollen Exorzismus des Nichts. Hingegen ist die Politik für mich das am meisten Entgegengesetzte zur Poesie, sie besteht im Kampf, der Aktion oder der geistigen Nachtarbeit, die sich auf das Mögliche ausrichtet, die Eroberung und Ausübung der Macht, dank der meist mehr oder weniger zwingenden (um nicht zu sagen “totalitären”) Organisation des Staates, die so die Herrschaft über eine Gesellschaft erlaubt und sich auf Gründe beruft, die häufig die Ordnung, den Fortschritt, die Entwicklung, die Sicherheit, die Freiheit oder die Gerechtigkeit aushebeln. Das geschieht natürlich auch durch die stufenweise Abmilderung der Mittel, die nie mehr erreichen sollten, als einfach nur eine Verwaltung zu sein- innerhalb einer relativen Wiederherstellung der Demokratie oder Wiederanknüpfung an demokratische Prinzipien. Die Poesie ist im Gegensatz dazu die Kunst des Unmöglichen, die sich auf die Förderung und die Aufgabe des transfigurierten Wortes ausrichtet, dank der schöpferischen Organisation der Sprache, die so erlaubt, in einige der letzten Instanzen des Lebens und der Wirklichkeit einzudringen und sie kundzutun, wofür sie sich auf die Grundlagen des Menschen, des Seins und Ausdrucks beruft.

Die Poesie als Kunst des Unmöglichen ist schliesslich eine konstante Verfolgung der anderen Seite der Dinge, des Verborgenen, des Umgekehrten, des Unscheinbaren, dessen, was scheinbar nicht ist. Mitte 1986 schrieb ich dieses Gedicht:

 

Das Mögliche ist allein eine Provinz des Unmöglichen,

eine reservierte Zone,

damit das Unendliche

im endlichen Sein ausgeführt wird.

 

Zweifelsohne

erreicht jede Übung oder jeder Versuch

des Unendlichen im Endlichen,

des Unmöglichen im Möglichen

dahinter einen Hohlraum

und früher oder später dreht er sich um,

dreht sich auf die Rückseite,

wie der Arme! oder schlecht geschnittene Mantelsaum.

 

Leben ist allein möglich für einen Augenblick

und sterben ist allein möglich für einen Augenblick.

Aber im Grunde ist Leben ebenso

unmöglich wie Sterben.

Wie Denken und Lieben.

 

Dann bleibt allein

ein machbarer Weg:

dass sich das Unendliche gleich im Unendlichen übt,

dass sich das Unmögliche unmittelbar im Unmöglichen übt.

 

Und dass man die Mantel von Anfang an umgekehrt trägt,

dass die Rose ihren Duft dem Denken weitergibt,

dass die Liebe ihre flüchtigen Hände gegen Rosen eintauscht

und dass der Tod auf einen eingeseiften Stock steigt

und von oben heiser verkündet,

dass dies alles ein törichter Versuch gewesen ist

und dass erst jetzt das Werk

mit einer einzelnen Person und mehreren Titeln beginnt.

Erstens: Das Mögliche ist eine Kopie des Unmöglichen.

Zweitens: Das Unmögliche ist allein sich selbst gleich.

Drittens: Das Mögliche hört auf, möglich zu sein.

 

Und im Erdkreis des Seins,

ebenso wie in der Rechtsprechung des Nichtseins,

würden für immer

die reservierten Zonen

und ihre verstohlenen Übungen abgeschafft.

Vielleicht könnte dann das Stück

einen einzigen Titel tragen:

Allein möglich ist das Unmögliche.

 

Und die Poesie als Kunst des Unmöglichen erhält und grossartigen Text von Demokrit von Abdera: “Nichts ist wirklicher als das Nichts.”

Wegen des schwarzen Spiegels, der uns stets beschützt, weil die Poesie im Mittelpunkt des Menschen steht, konnte Octavio Paz in einem sehr frühen Interview behaupten: “Jede grosse Poesie muss sich mit dem Tod auseinandersetzen und eine Antwort auf den Tod sein.”

Ich, der ich nicht an Antworten glaube, bevorzuge zu denken, dass die Poesie eine Anwesenheit vor dem Tod ist. In meinem ersten Buch gibt es ein Gedicht, dass mich besonders anspricht:

 

Wahrend du irgend etwas tust,

stirbt gerade jemand.

 

Wahrend du dir die Schuhe putzt,

wahrend du hasst,

wahrend du einen feinen Brief

deiner einzigen oder nicht einzigen Liebe schreibst.

 

Und wenn du auch nichts tun würdest,

stirbt gerade jemand

und versucht, alle Winkel zusammenzubringen,

und versucht vergeblich, nicht auf die Wand zu starren.

 

Und wenngleich du sterben würdest,

stürbe gerade jemand mehr,

abgesehen von deinem berechtigten Wunsch,

eine Minute in Ausschliesslichkeit zu sterben.

 

Wenn man dich nach der Welt fragt,

antworte deshalb einfach nur: gerade stirbt jemand.

 

Jahre später schrieb ich ein anderes Gedicht mit einem anderen Klang und einer anderen Sichtweise, die ich neben das vorhergehende Gedicht stellen möchte, als ob ich zwischen beiden einen wechselseitigen Wink vernehmen würde:

 

Das Leben zeichnet einen Baum,

und der Tod zeichnet einen anderen.

Das Leben zeichnet ein Nest,

und der Tod kopiert es.

Das Leben zeichnet einen Vogel,

auf dass er im Nest wohne,

und der Tod zeichnet plötzlich

einen anderen Vogel.

 

Eine Hand, die nichts zeichnet,

geht durch alle Zeichnungen

und zwischendurch stellt sie eine um.

Zum Beispiel:

der Vogel des Lebens

besetzt das Nest des Todes

auf dem Baum, der vom Leben gezeichnet wurde.

 

Andere Male

radiert die Hand, die nichts zeichnet,

eine Zeichnung der Serie aus.

 

Zum Beispiel:

der Baum des Todes

trägt das Nest des Todes,

aber kein Vogel besetzt es.

 

Und andere Male

verwandelt die Hand,

die nichts zeichnet, sich selbst

in ein vorherrschendes Bild

mit der Gestalt eines Vogels,

mit der Gestalt eines Baumes,

mit der Gestalt eines Nestes.

 

Und dann, nur dann

fehlt nichts, nichts ist überflüssig.

Zum Beispiel:

zwei Vogel

besetzen das Nest des Lebens

auf dem Baum des Todes.

 

Oder der Baum des Lebens

tragt zwei Nester,

in denen ein einzelner Vogel wohnt.

 

Oder ein einziger Vogel

bewohnt ein einzelnes Nest

auf dem Baum des Lebens

und dem Baum des Todes.

 

Wegen der fast unerträglichen Unterbrechung des Geistes, die beispielsweise Saint-Exupéry so sehr plagte, diese Wechsel der inneren Zustände und Situationen, die öfters den Dichter bedrücken, wie auch den Mystiker und vielleicht jeden, der die Unbilden des wachen Gedankens, die Höhen und Tiefen und die Spannungen des in den Dingen wurzelnden Gefühls durchlebt, ist es nicht schwer zu begreifen, dass die Poesie sich häufig im Grenzgebiet des Wahnsinns befindet, in der Nachbarschaft seiner verblüffenden Bezirke. Aber es ist ebenso wertvoll zu verstehen, dass gleichzeitig die Poesie die einzige Rettung vor jenem unerklärlichen Sturz ist. Deshalb verknüpfte ich einmal diese Fragen:

 

Ist die Poesie ein Scheingrund des Wahnsinns?

Oder ist der Wahnsinn ein Scheingrund der Poesie?

 

Oder sind beide ein Scheingrund für eine andere Sache, für eine andere, ungemein gerechte Sache, die nicht sprechen kann?

 

Die Poesie kennt keinen Komfort.” Dieser Titel des französischen Poeten René Ménard, den ich vor einigen Jahren im Haus eines argentinischen Poeten kennengelernt habe, der inzwischen auch verstorben ist, Raúl Gustavo Aguirre, fasst ein Gesetz des Künstlers zusammen, das sich viele nicht erklären können. Die Poesie ist äusserste Anforderung, Strenge ohne Milde, unruhestiftender Einspruch. Die Poesie verlangt nicht weniger als das Leben. Deshalb entziehen sich ihr viele, aber viele suchen sie auch als unersetzliche Dimension. Wer begreift das schliesslich? Gottfried Benn hat geschrieben: “ Keiner, auch der grosse Lyriker unserer Zeit, hat mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen- also um diese sechs Gedichte die dreissig bis fünfzig Jahre Askese, Leiden und Kampf!” Strenger noch äusserte sich Rilke im Malte Laurids Brigge: “Man sollte warten damit und Sinn und Süssigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluss, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), -es sind Erfahrungen.” Zweifelsohne ist der Dichter nicht notwendigerweise ein Masochist oder Monomaniak, er hat auch kein unheilbares Trauma oder verbüsst eine gewisse Strafe oder Züchtigung für irgendeine schändliche Tat oder Schuld.

Ich erinnere mich an einen Vormittag vor einigen Jahren in Mexiko. Mehrere Dichter aus der ganzen Welt waren eingeladen worden, um den siebzigsten Geburtstag von Octavio Paz zu feiern. Vor einem runden Tisch über lateinamerikanische Lyrik erzählte uns der kolumbianische Poet Álvaro Mutis, der als Moderator auftreten sollte, dass ihm, bevor er sein Haus verliess, seine Frau das I Ging legte und ihm als Rat auf den Weg gab, heute besser nicht zu sprechen. Das nahm er sich vor und bat uns alle, die wir am runden Tisch teilnahmen, seine sozusagen stumme Anwesenheit zu berücksichtigen. Die Runde koordinierte sich von selbst. Am Schluss meldeten sich einige Zuhörer zu Wort und einer von ihnen, der nie ausbleibt, fühlte sich gedrängt und verpflichtet, diese archaisch alberne Frage zu stellen: “ Wozu nutzt die Poesie? Wozu nutzt sie in einer Welt voller Gretel wie dem Hunger, der Armut, der Krankheit, dem Krieg, der Ungerechtigkeit, der Unterdrückung, der Folter, der Gewalt, des Todes?”

Da geschah das Unerwartete: Alvaro Mutis setzte sich über seinen guten Vorsatz hinweg und bat uns darum, ihn antworten zulassen. Er sagte die folgenden Worte, die ich nicht vergessen werde: “Angesichts dessen, was Sie sagen, möchte ich Ihnen erklären, dass ich keine bessere Lösung gefunden habe und kenne, als jeden Tag Gedichte zu schreiben.”

Es handelte sich nicht um eine Ausrede oder einen leichten Einfall noch um einen Anflug von Humor, der bei Mutis sonst recht üblich ist, auch nicht um eine romantisch blühende Übertreibung. Ich sehe darin ein bewegendes Bekenntnis, einen aussergewöhnlichen Akt des Glaubens. Der Dichter kämpft beim Schreiben um die ganze Würde und die ganze Grösse, die mit der Kleinheit des Menschen zusammen klingt. Und er kämpft nicht nur; er triumphiert auch, wenn er die Lampe zum Weiterbrennen bringt, die viele auslöschen wollen – und ohne die es nicht möglich ist zu leben. Das ist die unersetzbare Aufgabe des Dichters, wie es mir vor Jahren René Char in seinem magischen Kreis in der Provence sagte. Und daran dachte auch Shelley, als er in seiner Verteidigung der Dichtung jenes Prinzip formulierte, das die Geschichte belegt: “Die Dichter sind die nicht anerkannten Gesetzgeber der Welt.”

Ausserdem ist die Poesie Übung, Leidenschaft, Passion und der bevorzugte Bezirk der Freiheit. Ich glaube, dass wir uns zutrauen konnten, dem noch anzufügen, dass die Poesie gleichzeitig das Wort in Freiheit und das Wort der Freiheit ist. Paul Reverdy hat das noch drastischer ausgedrückt: “Die Poesie erscheint als grösster Trost für unsere Misere, ja sie muss weiterhin der einzige Punkt in der Höhe bleiben, von dem aus man noch einen helleren, offeneren Horizont überblickt, der uns erlaubt, nicht völlig zu verzweifeln. Bis zu einer neuen Ordnung, bis zu einer neuen und vielleicht endgültigen Unordnung, wird man in ihrem Wort den Sinn suchen gehen müssen, den vorher das Wort Freiheit selbst hatte.”

Ich möchte Ihnen drei jüngere Hille vortragen. Der erste: Ein Dichter hat mehr als zwanzig Jahre Gefangenschaft und Folter in den Kerkern einer der häufigen lateinamerikanischen Diktaturen durchlitten. Er überlebt – mehr oder weniger – in einem Rollstuhl. Aber ihm fehlt die letzte Folter, die allerletzte Versuchung wie in der berühmten “Grausamen Geschichte” von Villiers de L’Isle Adam: der grosse Verantwortliche lässt jenes Häuflein Elend zu sich kommen und schlägt ihm vor, ihn auf der Stelle freizulassen, wenn er ihm eine kurze Erklärung unterschreibt. Worin besteht dieses rettende Geständnis? Es ist nicht mehr als dieser Satz: “Ich bin kein Dichter.” Und der gequälte Mensch, der von dem Barbaren fast zerdrückt wurde, weigert sich, die Schmach abzuzeichnen, und kehrt in den Kerker zurück.

Zweiter Fall: In einem fernen Land ist ein Dichter seit mehreren Jahren in Haft, weil er die politischen Ansichten der Partei nicht teilt. Allein seine Gedichte geben ihm die Kraft, zu ertragen und zu widerstehen. Aber man verbietet ihm den Gebrauch von Papier und Bleistift. Was macht er schliesslich? Er lernt seine Gedichte auswendig und wiederholt sie mit lauter Stimme vor seinen Mithäftlingen, die sie wiederum auswendig lernen und später im Ausland verbreiten, nachdem sie ihre Strafen abgesessen haben und auf freien Fuss gesetzt wurden. Aber das Unerwartete geschieht: der Dichter leidet an Amnesie und verliert sein Gedächtnis. Was bleibt ihm übrig? Er dichtet und spricht seine Gedichte laut vor sich hin, allein in seiner Zelle. Mehr nicht. Die Gedichte gehen verloren und retten ihn. Später erwirkt der Druck der internationalen Solidarität seine Freilassung. Sein Werk war in der Welt bereits bekannt.

Dritter Fall: Zwei schwangere Frauen verbringen in getrennten Zellen eine Weihnachtsnacht im Gefängnis. Die Hoffnung ist fern, die Gerechtigkeit auch. Alles scheint fern zu sein, ausser der Folter und dem Tod. Eine der Frauen schreibt eine kleine Nachricht für die andere. Sie fleht naturgemäss um Hoffnung und bittet um alles, was ihnen fehlt, und bittet sie, auszuhalten und nicht den Glauben zu verlieren. Oben auf dem kleinen bewegenden Text in einem Eck des länglichen Papiers gibt es ein Zitat, das mit Anführungsstrichen versehen ist, aber ohne Autorennennung. Da steht: “Die Liebe, die nicht der ganze Schmerz ist, ist nicht die ganze Liebe.” Ich habe eine Abbildung dieser Botschaft gesehen. Und seit langem weiss ich, dass der “anonyme” Sinnspruch eine der “Stimmen” unseres grossen argentinischen Dichters Antonio Porchia ist.

Der Dichter, der der Poesie nicht abschwor, um sich vor der Hölle zu retten; der Dichter, der das Gedächtnis verlor und seine Gedichte rettete und sich mit ihnen selbst rettete; die Frau, die die Poesie für ihre sicherlich letzte Botschaft  auswählte: sie alle waren frei. Freier als ihre Gefängniswärter und Folterer, mit jener geheimnisvollen Freiheit, die keiner dem Menschen rauben kann, auch wenn man ihn zerstört.

Ja, wenn man die Schriften umschreibt, ohne die geringste Intention der Respektlosigkeit, können wir auch sagen: die Poesie wird euch befreien. Und das ist die Wirklichkeit der Poesie, die wir an diesem Nachmittag verfolgt haben.

Und diese Wirklichkeit – auf der ontologischen Ebene, auf der Ausdrucksebene, auf der unmittelbaren Ebene des Schmerzes und der Erschütterung des Menschen – wurde für mich vor neun Jahren eindeutig klar, als ich eine der grössten Lektionen meines Lebens hinnehmen musste. Ein Herzinfarkt brachte mich auf die Intensivstation. Und dort Habe ich, während ich vorsichtig untersucht wurde und völlig nackt dalag, angeschlossen an Apparate, die mit äusserster Präzision meine physiologischen Funktionen massen, aber frei geworden von viel mehr als irgendeiner Gewissheit, genau dort habe ich meine Gedichte weitergemacht. Heute glaube ich, dass sie mir mehr halfen, um weiterzuleben, als irgend etwas anderes. Ich möchte Ihnen eines jener Gedichte vorlesen:

 

Wenn man einmal den Fuss auf die andere Seite gestellt hat,

und man kann dennoch zurückkehren,

wird man nie mehr wie früher auftreten

und allmählich von dieser Seite die andere Seite betreten.

 

Das Lernen

verwandelt sich in das Gelernte,

das ganze Lernen,

das sich danach nicht damit abfindet,

dass alles Weitere,

vor allem die Liebe,

nicht dasselbe macht.

 

Die andere Seite ist die grösste Berührung.

Sogar die Augen selbst ändern die Farbe

und bekommen den durchsichtigen Farbton der Fabeln.

 

Jetzt können wir noch umfassender den Gedanken von Novalis verstehen, der das bekräftigt: “Die Poesie ist das echt absolut Reelle. Dies ist der Kern meiner Philosophie. Je poetischer, je wahrer. “

Oder wir können auch ohne Sorge zwei beunruhigende Texte von Wallace Stevens in seinem postumen Werk Adagia erläutern. Erstens: “Die Wirklichkeit ist ein Klischee, vor dem wir durch die Metapher entfliehen.” Zweitens: “Die Metapher erschafft eine neue Wirklichkeit, von der aus die ursprüngliche Wirklichkeit als unwirklich erscheint.” Aber bevor wir zum Schluss kommen, fehlt noch etwas, das hier nicht fehlen darf: die Poesie wird immer nahe der Liebe sein. Das ist ein unendliches Thema, und es kommt immer wieder auf, als ob es das erste Mal wäre. Darin gleicht es ohne Zweifel der Liebe selbst: jede Liebe ist erste Liebe. Die Liebeslyrik ist der reichste Bereich der Poesiegeschichte. Auch einer der gefährlichsten, schwierigsten und entstelltesten Bereiche, wie es bereits Rilke in seinen so häufig gelesenen und so selten beherzigten Briefen an einen jungen Dichter  ausführte. Zweifelsohne hat die Liebeslyrik einige der schönsten Werke der Weltlyrik hervorgebracht. Darunter befinden sich unversehrt die Sonette von Shakespeare und Quevedo oder die Gedichte von Bécquer und Éluard.

In diesem Bereich enthält die endgültige Aufforderung des Heiligen Augustinus eine einzigartige Resonanz: “Liebe, und dann tue, was du willst.” Vielleicht mit einer Begrenzung, die doppelt dramatisch und sogar auch etwas zynisch sein kann: Nicht schlecht schreiben. Nicht die Liebe vor die Poesie stellen oder sich dem Schreiben widmen und doch etwas anderes tun. Andererseits kann ich nicht eher aufhören, ohne etwas Eigenes dazu beizutragen:

 

Eine dünnere Faser als der Gedanke,

ein Faden, so gross wie das Nichts,

eint unsere Augen, wenn wir uns anschauen.

 

Wenn wir uns anschauen,

einen uns alle Fäden der Welt,

aber es fehlt dieser,

der allein Schatten gibt

für das geheimste Licht der Liebe.

 

Nachdem wir gegangen sind,

bleibt vielleicht dieser Faden übrig

und eint unsere leeren Pfütze.

 

Du bist mein vollkommenstes Verlassensein,

meine Schwäche, meine offene Flanke,

was mich davon befreit, mich zu schützen.

 

Vielleicht verbinden sich deshalb in dir

meine grösste Erinnerung und mein grösstes Vergessen,

und ich weiss nicht, ob du meine Begleitung bist

oder schon längst meine Einsamkeit.

 

Eine Liebe jenseits der Liebe,

über den Brauch der Bindung hinaus,

jenseits des verhängnisvollen Spiels

der Einsamkeit und der Zweisamkeit.

 

Eine Liebe, die keine Rückkehr braucht,

aber auch keinen Hinweg.

Eine Liebe, die sich nicht fügt

dem Flackern des Kommens und Gehens,

des Wachseins und Schlafens,

des Rufens und Schweigens.

 

Eine Liebe, um zusammenzusein

oder wiederum auch nicht,

aber auch für alle Zwischenpositionen.

 

Eine Liebe wie das Augenöffnen.

Und vielleicht auch wie Schliessen.

 

Ich schaue einen Baum an.

Du schaust in der Ferne irgend etwas an.

Aber ich weiss, wenn ich diesen Baum nicht anschauen würde,

dass du ihn für mich anschauen würdest,

und du weisst, wenn du nicht anschauen würdest,

was du anschaust, dass ich es für dich anschauen würde.

 

Uns reicht es nicht mehr,

dass jeder von uns mit dem anderen etwas anschaut.

Wir haben geschafft,

dass dann, wenn einer fehlen sollte,

der andere schaut,

was der eine anschauen sollte.

 

Jetzt brauchen wir nur

einen Blick begründen, der für uns beide schaut,

was wir beide anschauen sollten,

wenn wir nirgends mehr sein werden.

 

Etwas bremst das Licht:

jedes Licht sollte überallhin gelangen.

Etwas hemmt die Musik:

jede Musik sollte von allen gehört werden.

 

Etwas staut den Gedanken:

jeder Gedanke sollte alle Dinge denken.

Etwas verhaftet das Leben:

jedes Leben sollte das Lebende und das Nichtlebende sein.

 

Wegen dieser heillosen Umstände

ist der Mensch eine Substanz der Verschwendung.

Jede Liebe hat ungeheuer lange Arme:

um zu lieben, muss man die Arme kürzen.

 

Der Mittelpunkt der Liebe

stimmt nicht immer

mit dem Mittelpunkt des Lebens überein.

 

Beide Mittelpunkte

suchen sich dann

wie zwei aufgescheuchte Tiere.

Aber meistens finden sie sich nicht,

weil der Schlüssel der Übereinstimmung ein anderer ist:

gemeinsam geboren zu werden.

 

Gemeinsam geboren zu werden,

wie alle Liebenden

geboren werden und sterben sollten.

 

Ich drehe mich auf deine Seite

im Bett oder im Leben

und finde, dass du unmöglich geworden bist.

 

Dann drehe ich mich zu mir

und finde das gleiche.

 

Deshalb ist es so,

dass wir, obwohl wir das Mögliche lieben,

es am Ende in eine Schublade einschliessen,

damit es dieses Unmögliche nicht mehr stört,

ohne dass wir nicht weiter zusammensein können.

 

Daher ist die Poesie auch eine widersprüchliche Feier, die Hingabe an das Leben, Begeisterung im griechischen Sinne, Schwingung und manchmal sogar Gesang. Es ist nicht wichtig, ob sie von Schmerzen oder vom Tod spricht, vom Absurden oder vom Nichts. Es ist “der Impuls, die Erzählung fortzuführen”. Es ist die grösstmögliche Intensität des Lebens. Dabei muss daran erinnert werden, dass “der vielleicht einzige Sinn die sinnlose Intensität ist”, wie es in einem Sinnspruch heisst, den wir vor siebenundzwanzig Jahren für eine Poesiezeitschrift geschrieben haben. Im vorderen Bereich meines nächsten Buches gibt es ein Gedicht, das hiermit in Zusammenhang steht:

 

Feiern, was nicht existiert.

Gibt es einen anderen Weg, um zu feiern, was existiert?

 

Das Unmögliche feiern.

Gibt es eine andere Art, das Mögliche zu feiern?

 

Die Stille feiern.

Gibt es eine andere Weise, das Wort zu feiern?

 

Die Einsamkeit feiern.

Gibt es einen anderen Pfad, die Liebe zu feiern?

 

Das Umgekehrte feiern.

Gibt es eine andere Form, das Richtige zu feiern?

 

Feiern, was stirbt.

Gibt es einen anderen Weg, zu feiern, was lebt?

 

Das Gedicht ist immer Feier,

weil es immer das Äusserste

der Intensität eines Stückes der Welt ist,

sein Schwert der wiederhergestellten Glut,

seine Faust der entspannten Begeisterung,

seine gerechteste und stärkste Betonung,

als würde die Stimme aufblühen.

 

Das Gedicht ist immer Feier,

obwohl sich an seinen Rändern die Hölle widerspiegelt,

obwohl die Zeit sich wie ein wundes Organ zusammenzieht,

obwohl der seiltänzerische Spassvogel, der die Wörter drängt,

seine Luftsprünge und sein Augenzwinkern improvisiert.

 

Nichts kann das Unendliche verbergen.

Seine Geste ist umfassender als die Geschichte,

sein Schritt ist länger als das Leben.

 

Bevor ich aufhöre und nachdem ich über die Poesie als Feier gesprochen habe, ist es überaus naheliegend jetzt das Ritual mit dem Gefühl der Würdigungen zu vollziehen, die bei solchen Anlässen gewöhnlich nicht fehlen. Meine herzliche Danksagung geht nun an Miquel Cané, dessen Name auf dem Stuhl steht, mit dem mich die Akademie ehrt, desweiteren an Juan Pablo Echagüe und Manuel Mújica Laínez, die ihn vor mir besetzten, an Dr. Raúl Héctor Castagnino, Präsident der Akademie, und Dr. Federico Peltzer, Akademiemitglied, für ihre grosszügigen Worte zu Beginn, an alle meine Kollegen und all jene, die in den verschiedenen Bereichen dieser Argentinischen Akademie für Sprache und Dichtung arbeiten, an alle Dichter, anerkannt oder nicht, erinnert oder nicht, meines Landes und aller Länder, an alle, die diese Schöpferische Leidenschaft teilen, an die Frau, die mich in der Poesie und im Leben begleitet hat, und an Sie, die die vorbildliche Geduld aufbrachten, mir zuzuhören. Aber all dies, ohne hier auf die kleine Widmung meines ersten Buches zu verzichten, die vielleicht die Synthese aller Würdigungen und meiner Danksagungen enthält: “Für fast alle. Oder für fast niemanden? Aber für dich.”

Ein uruguayischer Autor, Rubén Loza Aguerrebere, schrieb über den Dichter, Freund und Akademiekollegen, Jorge Vocos Lescano, der hier bei uns ist, diese entscheidenden Worte: “Man wird Ihren Namen vergessen können, aber niemals Ihre Stimme. Verflixtes Schicksal!” Auch hier befindet sich noch einmal in seiner letzten Konsequenz die Wirklichkeit der Poesie und die Poesie der Wirklichkeit, die ich heute ansprechen wollte. Diese Poesie, ohne die wir nicht leben können und ohne die auch die Welt nicht leben kann, wenngleich sie versucht, das zu verbergen und sogar die Namen derjenigen vergisst, die sie gesucht und ihr gedient haben. Im wesentlichen Winkel des Namens wird diese Stimme sie weiterhin tragen, speisen, nähren, wecken und vor dem Vergessen retten, aus dem Nichts hervorbringen, obwohl sie nicht weiss, von wem das ist, was andererseits auch nicht so wichtig ist.

Umberto Eco erzählt von einem Gespräch zwischen Yao-Shan und einem Schüler, der ihn fragte, was er mit gekreuzten Beinen anstellen würde. Antwort: “Ich dachte an das, was jenseits des Gedankens ist.” Frage: “Aber wie kannst du an das denken, was jenseits des Gedankens liegt?” Antwort: “Nicht denkend.” Die Poesie ist Denken und Nichtdenken, jenseits und diesseits des Gedankens, im Herz der Wirklichkeit selbst. “Die Wirklichkeit ist unendlich. Nur unsere Bosheit oder unsere Angst setzen der Wirklichkeit Grenzen.” So spricht eine Figur von Bergman in seinem Film Herbstsonate.

Die Poesie ist auch unendlich wie der geheimnisvolle Impuls, den wir in uns tragen. Und auch das Böse oder die Angst setzen ihr Grenzen, neben der Dummheit und der Ignoranz. Deshalb sagt Albert Béguin, dass “unsere Zeit durch tausend dämonische Mächte uns dazu einlädt, sie zu vergessen”. Warum? Ich glaube, weil der Mensch im Allgemeinen nicht zuviel Wirklichkeit erträgt. Der Mensch hält die unendlich nahe Botschaft, die wir in uns tragen, nicht aus: die wesentliche Sprache seiner selbst, diese untrennbare Tatsache der Sprache, die in ihren äussersten Ausdrucksarten alles abverlangt.

Ein heutiger argentinischer Dichter, Simón Rargieman, veröffentlichte kürzlich einige imaginäre Gespräche ( oder womöglich auch nicht) mit van Gogh. Auf der letzten Seite zitiert er die Worte, die der grosse holländische Maler auf seinem Todeslager sprechen würde: “Es ist vergeblich, die Traurigkeit wird ewig sein.” Vorher kommt in diesem Buch ein anderer Text von van Gogh vor, in dem er erklärt: “Im Leben wie in der Malerei kann ich ohne Gott sein; aber weil ich leide, kann ich ohne etwas Grösseres als mich selbst nicht sein, nämlich mit meinem Leben, der Fähigkeit, schöpferisch tätig zu sein.” Und dieser argentinische Dichter hat in einem früheren Buch mit dem Titel Das entscheidende Wort als Motto diese Zeilen eines anderen argentinischen Dichters, Enrique Pichon Rivière, aufgenommen: “Die schöpferische Tätigkeit ist die einzige Form, die Traurigkeit zu entschlüsseln, die das Schicksal des Menschen begleitet und belauert.”

Ja, ich sehe keinen anderen Weg. Deshalb wollte ich mich an diesem Nachmittag mit meinen Worten nicht einfach auf eine literarische Gattung oder eine Form der Zerstreuung oder des Zeitvertreibs beschranken. Die Poesie ist viel mehr als eine literarische Gattung oder eine Spielanleitung: die Poesie ist das Menschenwort, verwandelt in Schöpfung – bis zum Äussersten, wo der folgende Satz von Nietzsche eine fast haarsträubende Geltung erlangt: “Sprich dein Wort und zerbrich!” Ja, ich glaube, dass die Poesie letzten Endes darin besteht: Schöpfung und Zerstörung zu sein. Gibt es eine andere Form, das Rätsel des Seins und des Nichtseins zu ergründen?

Wir enden mit einem Gedicht, das mit dem Anfang und seiner metaphorischen Beziehung zu den Räumen korrespondiert:

 

Wo ist der Schatten

eines Gegenstandes, der an die Wand gelehnt ist?

Wo ist das Bild

in einem Spiegel, der an die Nacht gelehnt ist?

Wo ist das Leben

eines Geschöpfes, das an sich selbst gelehnt ist?

Wo ist das Reich

eines Menschen, der an den Tod gelehnt ist?

Wo ist das Licht

eines Gottes, der an das Nichts gelehnt ist?

 

Vielleicht befindet sich in diesen Räumen ohne Raum,

was wir suchen.

 

Poesie

BIO-BIBLIOGRAPHIE

Roberto Juarroz, geboren 1925 in Coronel Dorrego, gestorben 1995 in Buenos Aires. Dichter, Essayist und Bibliothekswissenschaftler. Für sein einzigartiges poetisches Werk wurde er mit mehreren Preisen und Ehrungen ausgezeichnet darunter die argentinischen Poesiepreise der Fundación Argentina para la Poesía und Esteban Echeverría, beide 1984, und die internationalen Poesiepreise der Lyrik-Biennale in Lüttich, Belgien, und Jean Malrieu in Marseille, Frankreich, beide 1992. Seine vertikale Poesie wurde in zahlreiche Sprachen aller Kontinente übersetzt. In der Edition Delta erschien die Werkauswahl Vertikale Poesie (1958-93), Stuttgart 1993. Sein poetisches Gesamtwerk wurde sowohl in Argentinien als auch in Frankreich veröffentlicht.

 

POESÍA VERTICAL (1958)

SEGUNDA POESÍA VERTICAL (1963)

TERCERA POESÍA VERTICAL (1965)

CUARTA POESÍA VERTCAL (1969)

QUINTA POESÍA VERTICAL(1974)

SEXTA POESÍA VERTICAL (1975)

SÉPTIMA POESÍA VERTICAL (1982)

OCTAVA POESÍA VERTICAL(1984)

NOVENA POESÍA VERTICAL (1987)

DÉOMA POESÍA VERTICAL (1987)

UNDÉOMA POESÍA VERTICAL (1988)

DUODÉOMA POESÍA VERTICAL (1991)

DÉCIMOTERCERA POESÍA VERTICAL (1993)

DÉCIMOCUARTA POESÍA VERTICAL (1994)

FRAGMENTOS VERTICALES

VEINTISÉIS POEMAS INÉDITOS

 

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